Mein Mitbewohner, der Gamer  (c)

Mein Mitbewohner, der Gamer

Zocken, kiffen, zocken, kiffen. So sieht es aus, wenn der eigene Mitbewohner zum Zocker wird. Der Lifestyle eines Gamers aus dem Zimmer neben mir.

Drei Schritte, das Startsignal eines Windows PCs, Stapel mit schmutzigem Geschirr in der Spüle und der beißende Geruch von Gras überall: Das sind die einzigen Anzeichen dafür, dass im Zimmer neben mir jemand wohnt, der sich mein „Mitbewohner“ nennt. Dass das Wort soziale Interaktion beinhaltet, hat Sebo anscheinend irgendwie vergessen. Tagsüber kriegt man ihn kaum noch zu Gesicht, außer die natürlichen Triebe zwingen ihn dazu, sein Zimmer zu verlassen.

Bei unserem Einzug vor drei Jahren in die schöne Josefstadt war noch alles ganz normal. Drei Studenten aus Deutschland und ein Ziel: Wien leben und sich gönnen!

Das Ende der Schule sollte für uns auch das Ende des spießigen Vorstadtlebens bedeuten. Die Wahl fiel auf Wien. Das Einleben ging schnell, neue Leute brachten coole Parties, auf denen man wieder neue Feierfreunde fand. Freitagabend gehörte der gemeinsame Alkoholkauf zum Standardprogramm und das Wochenende wurde mit der ersten Shotrunde um 18 Uhr eingeläutet. Am nächsten Tag ging’s weiter. Wir waren noch nie eine von den WG’s, die jeden Tag zusammen kochen und sich dabei gegenseitig die größten Geheimnisse des Lebens verraten, aber wir wurden Freunde und hatten Spaß zusammen. Doch die Zeiten des gemeinsamen WG-Lebens sind vorbei.

Die einzigen, die die Wohnung regelmäßig verlassen, sind Markush und ich. Sebo geht nur noch zum Einkaufen und wenn’s gut läuft, alle zwei Monate mal zum Friseur. Im Winter vor zwei Jahren hat er das erste Mal „DOTA“ gezockt und seitdem nicht mehr aufgehört. Er ist zum Dauer-Gamer mutiert.

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Das Ganze fängt schon morgens an - „morgens“, um 13 Uhr – wenn sich andere Leute schon ihr Mittagessen kochen. Kaum ist der PC hochgefahren, wird auch schon das Game gestartet. Je nachdem wie‘s läuft, wird bis zwei, drei oder vier Uhr in der Nacht durchgezockt.

Wenn keiner von Sebos alten Homies aus der Heimat online ist, gibt er sich mit irgendwelchen Fremden zufrieden, die genau wie er, lieber mit fiktiven Freunden Fabelwesen in der Phantasiewelt des Internets umbringen, als sich mit der Wirklichkeit zu befassen. Kopfhörer auf und let the game begin. Ein spannendes Match zwischen „Supreme Leader“ und „Prepare your Asus“ hört sich im Normalfall so an: „Fuuuuuck this! Du kleiner Bastard, was soll der Scheiß, lässt mich alleine?!“ Aber jetzt keine falschen Vorstellungen kriegen: Normale Zimmerlautstärke wäre schön, das kommt nur leider selten vor. Wenn das Game ihn hat, wird drauf los geschrien. Wer schon mal in einer Altbauwohnung war und weiß, wie die Dämmung der Wände aussieht, kann sich vorstellen, wie das für die restlichen Mitbewohner ist: Ja, ganz genau, laut ist es. Und nervt jeden, der im Zimmer nebenan irgendwie produktiv sein will.

Wenn mein anderer Mitbewohner und ich am Wochenende Freunde in die WG einladen, sitzt Sebo meistens vorm PC: „Ich komm gleich, das neue Game hat grad angefangen.“ Und das sind oft die letzten Worte, die wir dann von ihm hören. Soziale Beziehungen, adieu. Ab und zu rufen mich Sebos Freunde an, um zu fragen, ob er noch lebt. Letzte Woche stand die Polizei vor der Tür und hat nach Sebo gefragt. Ein Bekannter von ihm hätte ihn als verschollen gemeldet. Ob es was an seinem Verhalten geändert hat? – Nein. Den Beamten kurz den Perso gezeigt und weiter gezockt.

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Spülen, putzen oder aufräumen sind schon lange keine Themen mehr, für die sich Sebo interessiert. Die Haare auf dem Badezimmerboden: „Juckt“, genauso wie der Schimmel in der Spülmaschine: „Juckt noch mehr.“ „Juckt“ eines seiner Lieblingswörter, heißt so viel wie „Scheißegal, juckt mich nicht“. Am schlimmsten leidet wahrscheinlich Max Uni…„Achja, genau, Uni. Shit“ Die letzte Prüfung ist schon etwas her. Die letzte bestandene Prüfung noch länger. Das Ziel des Bachelorzeugnisses aus den Augen verloren und keinen Bock mehr auf nichts, außer – riiiiiichtig – Zocken! Und weil der Lifestyle es eben hergibt, wird das Ganze abgerundet durch einen dicken Ofen, der die Wohnung beduftet, egal zu welcher Uhrzeit, egal an welchem Tag.

Ob man es nun „Sucht“ nennen mag, oder nicht: Sebo hat sich verändert. Wenn man mit anderen Menschen zusammenlebt, gibt es Regeln zu beachten und entweder man wacht auf oder der Stecker wird gezogen. 

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