Kacken Frauen auch manchmal? (c) Titelbild Credits: Miki Vujcic

Kacken Frauen auch manchmal?

Diese Frage stellen sich Männer seit Jahrhunderten, Frauen beantworten sie grundsätzlich mit "nein". Aber stimmt das wirklich? Diesem Mythos, der nach Rosen riechenden Frauen, geht unsere Redakteurin auf den Grund.

Es gibt immer wieder Themen und Fragen, die jeden beschäftigen, aber die sich keiner fragen traut. Das absolut schlimmste Thema für eine Frau ist ihr Stuhlgang. Naja, so ganz stimmt das auch nicht, unter guten Freundinnen kann man schon mal darüber sprechen, aber sicher vor keinem Mann. Und schon gar nicht vor einem neuen Mann. Eine Frau hat grundsätzlich die Aufgabe makellos zu sein. Alles andere wäre schlichtweg inakzeptabel. Frauen duften immer nach Rosen und pupsen ausschließlich Feenstaub, der ebenfalls nach Rosen duftet, glitzert und babyrosa ist. Das weiß man doch.

Wir Frauen und die Gesellschaft, in der wir leben, haben es uns zur Lebensaufgabe gemacht dieses Bild von uns aufrecht zu erhalten. Mindestens bis wir in einer stabilen Beziehung oder Ehe stecken. Wir spielen diese Maskerade also mindestens 6 Monate, manchmal auch einige Jahre. Viel zu grauenhaft wäre es, zugeben zu müssen, dass auch ein wunderschönes 1,80cm großes Model mal richtig einen abseilt. Hat sie das gerade wirklich geschrieben? Ja, ganz recht.

Selbst die Werbeindustrie zieht einen Nutzen aus unserer Scham und verkauft "darmregulierende" Joghurts, Drinks und Wunderkapseln, weil wir uns bis zum 30. Geburtstag so viel Kot zurück gehalten haben, dass wir sowas wirklich brauchen. Ich finde ja schon die Bezeichnung "darmregulierend" lächerlich, nennt es doch beim Namen. Joghurt zum Kacken. Genau das ist es nämlich. Eine meiner Freundinnen hatte sogar schon einen Kotstau, der operativ entfernt werden musste, weil sie sich so dermaßen vor ihrem Freund schämte. Mal im ernst: wo soll das hinführen?

Ich, von Feministinnen verhasste, absolut ungenierte und brutal ehrliche Tabu-Redakteurin, habe mich dazu entschlossen, kacken salonfähig zu machen und unverblümt darüber zu schreiben. 

Am Anfang einer Beziehung ist alles frisch, neu und man will sich von der besten Seite zeigen. Gerade wegen unserer sinnlosen Wegwerfgesellschaft, die uns auch noch mit Datingapps, Tinder und halbnackten Club-Hoes das Leben schwer macht. Ich kann mich noch erinnern, vor 10 Jahren steckte diese ganze virale Sexbörse noch in den Kinderschuhen. Damit man auf Knuddels, websingles oder msn mit jemandem schreiben konnte, musste man extra nachhause fahren und sich an den PC hocken. Wenn man also nicht gerade seinen SouLmaTe oder OaO (=one and only) am Start hatte und nach der Schule nachause gesprintet ist, in der Hoffnung mit seinem Schwarm auf msn oder icq zu chatten, war man draußen und hat sich mit seinen echten Mitmenschen beschäftigt. Der Freundeskreis, den man hatte, war auch die Partnerbörse. Entweder das oder eben das Chatten am Abend am PC. Man war also ein Fisch in einem kleinen Teich.

Heute ist das alles anders. Jetzt haben wir 20 andere auf Stand-by in der Friendzone und finden innerhalb von Minuten ein neues Opfer auf allen möglichen Social Media Kanälen. Das bedeutet, wenn wir es schon schaffen, jemanden zu daten, der nach dem 3. Date nicht schlagartig die Flucht ergreift und nebenbei 2 andere am Start hat, haben wir schon den ultimativen Glücksgriff gelandet und dürfen ihn auf gar keinen Fall verschrecken. Der Druck ist massiv gestiegen, wir sind jetzt kleine Fische in einem rieeeeesengroßen See. 

Als Frau malt man sich also gleich mal ein komplett neues Gesicht mit allen Brauntönen dieser Erde auf, besitzt mehr Extensions und Fake-Lashes als die Maskenbildner im Burgtheater, kleidet sich wie ein Instamodel, benimmt sich 1:1 so wie es irgendwelche Blogger vorsagen und kämpft permanent gegen die eigenen Körperfunktionen. Zu groß ist die Angst gegen ein besseres Modell ausgetauscht zu werden. Für alle die jetzt sagen: "nein, so bin ich aber nicht, ich bin anders." Nein, bist du nicht. 

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Credits: Tim Walker WARDA

"hihi ich doch nicht"

Hätten wir die Hintergründe geklärt, kommen wir zum Wesentlichen, wir wollten ja übers Kacken reden. Los geht's! Warum ich diesen Artikel gerade jetzt schreibe hat einen ganz einfachen Grund: es ist Sommer, alle fahren auf Urlaub und kleben plötzlich 24/7 mit ihrem Partner zusammen. Und wenn man rund um die Uhr gemeinsam verbringt wird verstecken einfach schwierig. Es gibt unzählige Studien über Trennungen, die belegen, dass aus dem gemeinsamen Urlaub die meisten Trennungen hervorgehen. Wie viel Prozent sich da jetzt wirklich trennen, weiß anscheinend keiner so genau, die Zahlen variieren von Studie zu Studie, deswegen lass ich das auch weg. Trotzdem sind sich alle Studien darüber einig, dass es im oder nach dem Urlaub passiert. Es heißt immer, es läge daran, dass man seinen Partner plötzlich zu gut kennen lernt und Dinge vom Anderen erfährt, die man im Alltag übersieht. Dem stimme ich vollkommen zu.

Genau das bringt uns direkt zur Materie. Wir haben also in unserem immens großen See einen Fisch gefangen, konnten ihn halten und er fährt mit uns auf Urlaub. Wir sind natürlich überglücklich und freuen uns auf die Zweisamkeit und dann kommen wir im Hotel an, bekommen den Zimmerschlüssel, sperren auf und starren vom Bett aus durch eine Glaswand ins Badezimmer. Zack Privatsphäre null. So ist es meiner Freundin Sabrina* passiert: "Ich war 5 Tage mit so einem voll heißen Typen in Griechenland auf Urlaub. Er hat mich spontan eingeladen, ich hab mich voll drauf gefreut und dann kommen wir ins Zimmer und das Bad hatte Glaswände und war mitten im Raum. Ich bin ja gar nicht g'schamig, aber beim Duschen muss mir echt keiner zuschauen." Und wie war das mit dem Toilettengang? "Einserschmäh ;)".

Für diejenigen unter euch, die den Einserschmäh nicht kennen, werde ich weiter ausholen und euch den architektonischen Aufbau eines Hotels erklären. Die offizielle Erklärung sind "gesetzliche Richtlinien", warum ein Hotel, das ja sowieso jedes Zimmer mit einem Badzimmer ausgestattet hat, auch Toiletten im Eingangsbereich, Keller oder beim Frühstückssaal bzw. Restaurant hat. Insgeheim sind diese Waschräume für Frauen die Tore zu Narnia! Es kann kein Zufall sein, dass diese Toiletten immer weit entfernt von allen belebten Räumlichkeiten liegen und seit Jahrzehnten verzweifelte Frauen vor der erzwungenen Verstopfung retten!

Leider hat auch das Hotel-Narnia manchmal seine Tücken, wie mir Jessica* von ihrem Juli-Urlaub berichtet: "Paul* und ich sind seit 2 Jahren zusammen, aber wir wohnen nicht gemeinsam und ich hab bis jetzt immer alles zurückhalten können, ohne, dass er etwas gemerkt hat. Wir waren auch schon 3 Mal gemeinsam auf Urlaub und immer hat alles super funktioniert, ich bin immer sofort nach dem Aufwachen in die Lobby gegangen und habe uns anschließend 2 Tassen Kaffee vom Frühstücksbuffet mitgenommen, du weißt schon, so auf "hihi ich bin so eine süße Freundin" und das hat immer prima funktioniert. Bis wir so ein Reiseschnäppchen in einem monströsen Hotel gebucht haben. Da waren zwei große Toiletten mit ca. 10 Kabinen jeweils und ich habe immer versucht einen leeren Klo-Saal zu finden. Das war aber leider quasi unmöglich, ich war nämlich nicht die Einzige, die den Einserschmäh kannte und es war schlimm Anderen dabei zuzuhören, während man selbst versuchte so leise wie möglich ein schnelles Häufchen zu machen. Ich habe danach auch immer extra gewartet bis alle Klonachbarn vor mir den Raum verließen, damit ich ihnen nicht gegenüber treten musste. Das hat mich noch viel mehr gestresst, also hab ich mich irgendwann getraut im Zimmer aufs Klo zu gehen. Habe sämtliche Wasserhähne aufgedreht und so getan als würde ich duschen. Hab sogar ganz laut gesungen, was ihm vermutlich noch viel merkwürdiger vorkam. Habe mich dann tatsächlich geduscht, viel Haarspray und Deo gesprüht, mich in slow-motion im Bad gestylt und bin erst nach einer gefühlten Stunde rausgekommen. Er war zwar angefressen, weil ich so lang gebraucht habe mich fertig zu machen, aber er hat nicht gecheckt, was ich da tatsächlich gemacht hab."

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Credits: Emil Bauer

Diesen Blick wollen wir Frauen vermeiden. 

Wie man sieht ist das also kein Einzelfall. Auch ich selbst bin eine wandelnde Neurose, wenn es um dieses Thema geht. Habe, wie viele andere Mädchen auch, meine eigene Methode entwickelt und treibe damit meine Mitmenschen in den Wahnsinn. Vor zwei Jahren habe ich den wohl verrücktesten, anstrengendsten und tollsten Sommer erlebt und bin mit meinen engsten Freunden durch den ganzen deutschsprachigen Raum von Festival zu Festival gepilgert und wir haben überall gekellnert. Es ist ein ganz anderes Feeling auf Festivals zu arbeiten als in einem versifften Zelt zu hausen und sich nonstop zuzudröhnen. Wenn man volle 4 Tage jeden Tag 12-16 Stunden arbeitet und währenddessen feiert, braucht man ein Hotel. Abgesehen davon verdiente man damals noch so gut dabei, dass man sich das locker leisten konnte und trotzdem mit prall gefüllten Taschen nachhause fuhr. Für jeden, der sich jetzt denkt: "Boah, ich werde sofort Kellner und reich", Sorry, aber diese Zeiten sind vorbei, jetzt verdienst du heiße 8-10 Euro/Std. und kannst dir dein Trinkgeld aufmalen. Deswegen bin ich auch bei Warda (btw wir suchen noch Redakteure, komm ruhig zu uns und bewirb dich per Mail an jobs@warda.at). Jedenfalls haben wir immer größere Hotelzimmer, Bungalows oder Ferienhäuser gemietet, je nach Verfügbarkeit. Wenn man tagelang mit einer Gruppe unterwegs ist, quer durchs Land und auch über die Grenze fährt, Stunden lang gemeinsam im Auto sitzt, gemeinsam arbeitet, in einem Zimmer schläft und permanent aufeinander hockt, lernt man seine Mitmenschen einfach kennen. Mehr als man will. Die Möglichkeiten, sich einen Rückzugsort zu suchen und mal alleine durchzuatmen, sind sehr überschaubar und wenn man, so wie wir am Novarock, zu 5. in einem Reihenhaus mit einem Badezimmer wohnt, lernt man wirklich alles an seinen Mitmenschen kennen. Meine Mädels, die dauernd nackt durchs Bad gelaufen sind, zwei gemeinsam in der Badewanne saßen, eine sich geschminkt hat, der einzige Mann vorm Fernseher chillte und ich keine Chance für Privatsphäre hatte. So ist das eben, wenn viele Verrückte zusammen wohnen. Auch wenn wir alles voneinander kannten, fürs Klo gehen hatte jeder eine eigene Methode: während die anderen schlafen, während die anderen essen, usw. Ich laufe einfach grundsätzlich mit meiner Zigarette spazieren und rauche einfach überall. Beim Kochen, beim Schminken und natürlich auch beim Klo gehen. Taktik, liebe Freunde. Klar, regt das alle Anderen auf, weil's immens stinkt und meine Lunge fast krepiert, aber beim Scheißen hat mich noch niemand erwischt. Weil ich ein Pro bin.

Im Alltag ist es doch genau dasselbe. Nach der ersten Übernachtung beim neuen Partner rennt man plötzlich zum Bäcker, erfindet abstruse Ausreden, warum man so früh weg muss oder hofft, dass er kurz weg muss. Manchmal harrt man auch mit Bauchschmerzen aus und hofft auf ein Wunder. Das ist vermutlich auch der Grund, warum man nach einem One-Night-Stand nie über Nacht bleibt.

Mit solchen Anekdoten und Leidensgeschichten könnte ich ewig weitermachen, weil es normal ist, weil jede Frau das durchmacht. Wir stressen uns unermesslich, verstecken uns so gut, dass selbst Tom Turbo uns niemals finden würde und wofür? Richtig, für lustige Geschichten. Männern ist das sowieso schlichtweg egal, die gehen selbst ungeniert aufs Klo und es ist ihnen auch vollkommen egal, wenn wir das gleiche machen. Sie checken auch unsere Ablenkungsmanöver nicht und selbst nachdem sie diesen Artikel gelesen haben, wird es ihnen wurscht sein und selbst, wenn sie uns ertappen wollen würden, hätten sie nicht die geringste Chance uns jemals zu entlarven. Ich war 5 Jahre in einer Beziehung und mein Exfreund dachte manchmal er hätte mich ertappt, dabei war ich da gar nicht. Er hat einfach wahllos drauf los geraten. Die peilen das echt nicht, glaubt mir. Andere Mädels schauen auch nicht drauf, sie schauen weg. Wir sind Menschen, wir müssen das tun, aber keiner will jemanden dabei erwischen oder selbst dabei erwischt werden. Niemand.

Und was lernen wir daraus? Es ist in Ordnung, du bist nicht die Einzige, die einen auf Hobby-Ninja macht. Wenn du mutig bist, geh einfach. Wenn nicht, dann versteck dich halt. Scheißegal. Wir tuns alle. Auch die Traumfrauen. Ist halt eklig. Na und? Drauf geschissen!

* Namen geändert

Titelbild Credits: Miki Vujcic

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