Triebtäter im Internet: dient auch dein Selfie als Masturbations-vorlage? (c) Titelbild Credits: Pexels.com Pixabay

Triebtäter im Internet: dient auch dein Selfie als Masturbations-vorlage?

Chatrooms feiern ihr Comeback und unsere Redakteurin hat einen Selbstversuch gewagt. Wie sieht die anonyme Welt aus, wen trifft man dort und wie wirkt sich der Realitätsverlust auf die eigene Psyche aus?

Nachdem ich mich letzte Woche mit den Schattenseiten des Schön-seins herumschlagen musste und es mich deutlich stärker deprimierte als erwartet, begann ich die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft zu hinterfragen. Wie wäre wohl die Welt, wenn wir nicht nach unserem Äußeren beurteilt werden würden? Wie ist es wohl, wenn dein Gegenüber einfach nett zu dir ist, ohne zu wissen wie du aussiehst? Ich wollte einfach einmal am eigenen Leib erfahren, wie meine Mitmenschen zu mir sind, wenn sie nicht wissen, wie ich aussehe. 

Somit begab ich mich auf die Suche nach Anonymität und landete schnell auf einer anonymen Chat-App. Der Anmeldevorgang verlief reibungslos mit der Telefonnummer. Alter, Geschlecht und Nickname trägt man selbst ein und ist dabei. Statt Fotos sucht man sich hier einen Tier-Avatar aus. Es verwunderte mich kurz, dass das weder per Bestätigungsmail noch Facebook verifiziert werden musste, was ich von anderen Apps, wie Tinder, gewöhnt bin. Das war, im Nachhinein betrachtet, das erste Warnzeichen, das ich  übersah. 

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Das ist mein Profil

Sobald man angemeldet ist, landet man direkt in einigen Chatforen und wird mit Privatnachrichten überhäuft. Das dauert schon mal ein paar Stunden, bis man behirnt hat, wie die App überhaupt funktioniert. Ich habe einfach in irgendeine Gruppe geschrieben, dass ich neu bin und hatte Glück, denn das war ein normaler Chatroom mit vielen netten Leuten, die mir sofort hilfsbereit alles erklärten. Ein Mädchen schrieb mir dann auch als PN ein paar Tipps und warnte mich als erstes davor Fotos zu verschicken.

Ich habe den ersten Tag damit verbracht mich mit der App vertraut zu machen und habe an Tag zwei und drei einige nette Gespräche geführt. Dazwischen kamen immer wieder Sexanfragen, die ich einfach ignorierte oder wirklich lustig beantwortete. Manche Gespräche in der Gruppe waren sehr traurig, viele erzählten davon, dass sie keine Freunde haben und ihre einzigen sozialen Kontakte hier in der App haben. Für mich ein harter Brocken, da ich bisher noch nie mit Menschen in Kontakt getreten bin, die dermaßen vom normalen Sozialleben isoliert sind. Offen gestanden, kann ich mir auch jetzt nicht wirklich vorstellen, wie das ist. Selbst der bekiffte Mitbewohner, der 24/7 vorm PC hockt, hat am Wochenende ein Sozialleben, ich war schon zwei Mal auf einer Hipsterparty, auf der er auch war und er eigentlich einer der Lautesten war.

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Also ich finde, ich bin schon ein richtiger Profi im Sexting haha

Nachdem die Leute in der Gruppe, in der ich von Tag eins an war, stetig dieselben waren und sich immer nett verhalten haben, habe ich ein ziemliches Vertrauen aufgebaut und schrieb mit einigen von ihnen auch privat. Einer schickte mir ein Foto von sich - ein blonder fescher Kerl ungefähr 25 Jahre alt. Er sah normal aus und da ich sehr blauäugig an die Sache heran ging, habe ich ein Selfie zurück geschickt. Wir haben uns weiterhin nett unterhalten und ich wurde von anderen Usern immer häufiger mit Penisbildern und ekligen Sexnachrichten überhäuft. Das machte mich stutzig und ich fragte den blonden Jungen ob er mir noch ein Foto schickt, weil sicher ist sicher und so. "Ich habe keins am Handy", war seine Antwort und meine Alarmglocken läuteten.

Sorry, aber man zeige mir nur einen Menschen unter 60, der nicht mindestens 50 Selfies von sich am Handy hat. Eben. Ich begann zu stochern und ihn penetrant nach Fotos zu fragen und erhielt im Endeffekt 3 Fotos. Von drei komplett unterschiedlichen Männern. Da war's dann sogar mir klar, dass ich es mit einem Fake zu tun habe. Und dem habe ich ein Selfie geschickt. Ich, naiv und dumm wie Toastbrot.

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

das ist nur ein Bruchteil der einschlägigen Gruppen

Von da an habe ich meine komplette Recherche-Taktik geändert und machte mich auf die Suche nach Fakes. An Tag 4 habe ich erst die anderen Gruppen gefunden, die einschlägig mit "Wichsvorlage", "Sklavenhandel" und Co. betitelt waren. Und was ich da so fand, liebe Freunde, überstieg meine größten Erwartungen. 99% der Nutzer sind Männer, die irgendwem ihr Genital zeigen wollen und zu PNs einladen. Nun gut, traurig, aber sowas habe ich ja erwartet. Aber die restlichen posten Fotos. Fotos von Frauen aus dem Internet. "Wollt ihr euch auf Fotos von meiner Ex einen wichsen?", sind so die klassischen Aussagen in diesen Chatrooms. Ich habe zwei Tage damit verbracht gezielt auf solche Aussagen und Selfies von irgendwelchen random Mädels aus Instagram (es gilt die Unschuldsvermutung) zu antworten und ihnen mitzuteilen, dass das, was sie da machen strafbar ist.Was es mir gebracht hat? Zwei Aufenthalte im Chat-"Gefängnis". 

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Die Mütze ist aber mega cute

Die Nutzer können sich nämlich beschweren und das System steckt dich dann für ein paar Stunden bis hin zu Wochen in das Chat-Gefängnis, das bedeutet, man kann sich ausschließlich mit anderen "Insassen" unterhalten und wird für jegliche andere Unterhaltungen gesperrt bis man seine Strafe verbüßt hat. In den AGB sind Regeln aufgelistet, die nicht eingehalten werden und mit einem selbstregulierenden System überprüft werden. Kurzum: wenn man "Instagram" schreibt, kommt man ins Gefängnis, wenn man Nacktfotos von fremden Frauen verschickt nicht. Beschweren kann man sich darüber laut AGB schon, aber eben bei niemandem, weil kein Kontaktformular oder sonstiges auf der Homepage zu finden ist.

Dass ich zwei Mal im Gefängnis gelandet bin, habe ich auch gut nachvollziehen können. Da das schon etwas abturnt, wenn man mit steifem Genital fremde Pornobilder verschickt und dann eine kommt und das staubtrocken a la "Würdest du das gut finden, wenn ein Fremder Nacktfotos oder normale Selfies von deiner Tochter hier postet und lauter alte Männer sich daran aufgeilen und dazu masturbieren?" hinterfragt und dann erklärt, dass das mit Haftstrafen geahndet werden kann. Da wäre ich wohl auch nicht mehr in Stimmung.

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Im Gefängnis saßen viele, die wegen der Erwähnung anderer Apps (laut AGB verboten) hier landeten und auch viele Spatzifoto-Spezialisten, die im Gefängnis eiskalt damit weiter machten. Die habe ich natürlich auch befragt. Die meisten verstanden mich nicht und haben trotz Gefängnisaufenthalt nichts gelernt. Ich persönlich fühlte mich sehr mies.

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Es war ein äußerst verletzendes Gefühl mit Fakefotos von Kandidat eins konfrontiert zu werden. Jetzt weiß ich, wie sich die Kandidaten von "Catfish" fühlen. Man fühlt sich wirklich hintergangen und hinterfragt plötzlich alles. Das ist einfach ein enormer Vertrauensbruch, wenn man da so ehrlich und blauäugig an die Sache herangeht. Es wurde auch jeden Tag schlimmer. Man fühlt sich angewidert von den alten Säcken. Man fühlt sich hilflos, wenn man so einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat wie ich, wenn dauernd Fotos von offensichtlich fremden Frauen gepostet werden. Und am allerschlimmsten waren die Selfies von jungen Mädchen, die laut Google-Bildersuche von Facebook und Instagram Accounts stammten und vermutlich ahnungslos sind.

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Abschließend kann ich nur eindringlich davor warnen solche Apps zu benützen. Bitte Mädels, seid auch vorsichtig mit euren Social Media Profilen. Ihr könnt nie wissen, wer sich an euren öffentlichen Fotos bedient und ob diese Fotos dann in Foren landen und als Masturbationsvorlage verwendet werden.

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Credits: Screenshot Nastasia Helena

Ich habe diesen Selbstversuch gestartet, wollte es eine Woche lang schaffen und musste das Projekt nach 5 Tagen abbrechen, weil ich mich dermaßen angewidert und schlecht fühlte. Meine Social Media Accounts habe ich alle komplett auf privat umgestellt und allmählich verliere ich den Glauben an das Gute im Menschen.

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