Volksdroge Alkohol: trinkst du noch oder säufst du schon? (c) Titelbild Credits: Raphael Moser WARDA

Volksdroge Alkohol: trinkst du noch oder säufst du schon?

Alkohol gehört in der westlichen Gesellschaft quasi zum guten Ton. Sogar die alten Römer gönnten sich schon Wein mit Wasser, ein Vorgänger des weißen Spritzers. Das Trinken von Alkohol ist in unserer Kultur fest verankert und weitestgehend allgemein akzeptiert.

Nach einem langen stressigen Tag ein Bier oder ein Gläschen Rotwein trinken. Wer kennt es nicht? Fortgehen ohne zu Trinken? Für die meisten unvorstellbar. Alkohol gehört irgendwie dazu, obwohl wir alle wissen, dass er ungesund ist, sowie körperliche und geistige Schäden verursachen kann. Man sieht darüber hinweg. Trinken in der Jugend wird ja auch schon fast als etwas Normales angesehen. Es gehört ja irgendwie zum Erwachsen-werden dazu. Und wer hatte denn nicht schon irgendwann einmal einen ordentlichen Rausch? Selbst, wenn die Eltern nicht begeistert sind, wenn das eigene Kind einmal kotzend über der Kloschüssel hängt, so wird es in den meisten Fällen trotzdem keine größeren Konsequenzen geben, denn Mami und Papi waren selbst wahrscheinlich mal in der gleichen Situation.

Wie die meisten habe ich auch meine Erfahrungen mit Alkohol gemacht. Ich habe auch schon öfters zu tief ins Glas geschaut, habe von Alkohol gekotzt und habe mich, manchmal für meine Aktionen am Abend davor, ziemlich geschämt. Es lief aber alles in einem halbwegs „normalen“ Rahmen ab und irgendwas wirklich Schlimmes ist mir nie passiert. Bis jetzt dachte ich auch, dass die meisten Menschen in meinem Alter ein ähnliches Verhältnis zum Trinken haben, wie ich. Man geht zwar gerne fort, trinkt, aber ein Rausch bis zur Besinnungslosigkeit möchte man vermeiden. Ich wurde eines Besseren belehrt.

Als ich campen war, lernte ich fünf Jungs aus Bayern kennen. Alle in meinem Alter und super nett, aber auch ziemlich dauerfett. Als wir um zwei Uhr nachmittags angekommen sind, torkelte der eine schon über den ganzen Campingplatz . Wirklich sprechen konnte er nicht und gehen eigentlich auch nicht mehr. Sein Rauschzustand eher gefährlich, als noch zum Lachen. Als wir abends zurückkamen, sahen wir die Burschen wieder, diesmal aber ansprechbar. Sofort luden sie mich zum Trichtern ein und wollten mit mir Party machen. Ich lehnte dankend ab. Bei unserem abendlichen Grillen setzten sich die Jungs zu uns und wir begannen mit ihnen zu quatschen. Sie waren zwar immer noch betrunken, aber man konnte ein Gespräch mit ihnen führen. Der Abend entwickelte sich wirklich lustig. Zwischendurch bin ich vor Lachen fast aus dem Campingsessel gefallen und musste mir andauernd die Tränen aus den Augen wischen. Ein Kabarett war nichts gegen sie. Während ich den ganzen Abend lang zwei oder drei Radler trank, gönnten sich die Burschen wieder ordentlich. Jeder von ihnen trichterte mindestens fünf bis sechs Bier und auch zwischendurch vernichteten sie einige Dosen. Für sie ist diese Art von Trinken normal. Filmriss und Kotzen gehören da schon zum Standardprogramm dazu.

Als ich schlafen gegangen bin, dachte ich noch ziemlich lange über diesen Abend nach, vor allem über die Burschen. Jede ihrer Geschichten und Gesprächsthemen drehten sich irgendwie um Alkohol oder den Rausch selbst. Und ich begann mich selbst zu fragen, ob Alkohol mir selbst auch so wichtig ist. Ist er nicht. Eine Erkenntnis traf mich besonders hart, denn die Jungs waren im Prinzip schon Alkoholiker, oder zumindest am besten Weg dorthin.

Jedes Jahr sterben in Österreich zirka 8.000 Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum. Ungefähr 14.000 sterben jährlich an den Folgen von Rauchen. Eine Zigarettenschachtel ohne Warnhinweis oder grauslichen Bild einer Raucherlunge? Mittlerweile unvorstellbar. Auch in der Politik wird Rauchen ständig zum Thema gemacht, Rauchen erst ab 18 zu erlauben oder ein generelles Rauchverbot in Lokalen, es herrscht Diskussion. Während man versucht Zigaretten immer mehr aus unserer Gesellschaft zu verbannen und Menschen das Rauchen abzugewöhnen, wird über Alkohol geschwiegen. Eine Weinflasche mit einem Bild einer Alkoholleiche oder eine Leber eines Alkoholikers? Nicht vorhanden und auch keine Debatte. 2014 gab es 122 Tote durch die Folgen von chemischen Drogen. Vergleicht man diese Zahl mit den beiden anderen, wirkt es schon fast lächerlich. Jemand, der einmal die Woche Ecstasy beim Feiern schmeißt, wird als drogensüchtig eingestuft. Jemand, der jedes Wochenende trinkt, hingegen als „normal“. Natürlich möchte ich an dieser Stelle Drogen nicht verherrlichen oder sie verharmlosen, aber hervorheben, dass beides Suchtmittel sind. Alkohol aber gesellschaftlich akzeptiert wird, während Drogen anderer Art verteufelt werden.

Generell wird Alkoholismus wenig bis gar nicht thematisiert. Ein Student, der sich jedes Wochenende zwei Mal beim Fortgehen die Kante gibt oder eine gestresste Mutter, die jeden Abend ein paar Gläschen Wein trinkt, werden in der Regel nicht als süchtig angesehen. Alkoholiker ist man ja schließlich nur, wenn man den ganzen Tag alleine in einer Bar sitzt, arbeitslos ist und jeden zweiten Tag einen Filmriss hat. Das ist aber nur eine Art von Alkoholismus, es gibt noch genügend andere Formen vom Gelegenheitskonsument über Spiegel- bis hin zum Quartalstrinker. Suchtverhalten beginnt schon viel früher als beim regelmäßigem Absturz, vor allem die Routine wird dabei zur Gefahr. Das abendliche Glas Rotwein kann da oft schon der Indikator für ein ungesundes Verhältnis zu Alkohol sein. Auch erhöhte Alkoholtoleranz ist eher ein Warnsignal als ein Grund zur Stolz und Freude.

Der Konsum von Alkohol wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht verschwinden und auch sicher nicht den Stellenwert von Rauchen in der Gesellschaft erreichen. Jedoch sollten wir alle vielleicht einmal unser eigenes Trinkverhalten hinterfragen und vielleicht sogar bei der nächsten Party, mal ganz den Alkohol weglassen. Angeblich kann man ja auch nüchtern Spaß haben. An dieser Stelle, Cheers!


Fühlst du dich angesprochen und glaubst auch ein Problem mit deinem Alkoholkonsum zu haben? Versteck dich nicht und suche nach professioneller Unterstützung! Du bist nicht allein und es ist keine Schande um Hilfe zu bitten! Hier einige qualifizierte Stellen, an die du dich wenden kannst:

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