#metoo - Sexuelle Belästigung wird salonfähig (c) Titelbild Credits: Nastasia Helena

#metoo - Sexuelle Belästigung wird salonfähig

Ein neuer Hashtag bewegt die Welt. Wir haben ein paar Erfahrungsberichte über sexuelle Belästigung für euch zusammengetragen, um ein Zeichen zu setzen.

Seit einigen Tagen wird das Internet und vor allem alle Social Media Kanäle mit einem neuen Hashtag geflutet. Nach der Weinstein Affäre setzte Alyssa Milano ein Zeichen und startete mit #metoo weltweite eine regelrechte Hashtag-Welle. Es handelt sich hierbei um eine Bewegung gegen sexuelle Belästigung, die 1996 von der Aktivistin Tarana Burke begründet wurde.

Kurzum eine ganz wichtige Bewegung wird erst 11 Jahre später populär, wenn ein Shitstorm startet und ein A-Promi sich dafür stark macht. Wie das halt so läuft im Leben. 

Ich habe mich zufälligerweise letzte Woche 2 Tage vor dem viralen Hit mit einer Freundin über sexuelle Belästigung unterhalten. Doch es war kein "ich auch"-Gespräch, sondern eher eine Hitliste von den schlimmsten Erfahrungen, die wir in diesem Bereich gemacht haben. Heute habe ich einen Aufruf auf meinen Social Media Kanälen gepostet, man solle sich bitte bei mir melden, wenn man auch betroffen ist. Und naja - surprise surprise - ich wurde mit Statements überhäuft. Die Schwierigkeit wäre eher gewesen, jemanden zu finden, der noch nicht in irgendeiner Form sexuell belästigt wurde. 

Sex ist eben ein Grundbedürfnis des Menschen, wie schlafen, essen und scheißen. Die Besonderheit an den Statements, die mich erreichten, war jedoch eines: es meldeten sich zuerst lauter Männer. Bei der #metoo Bewegung melden sich weltweit hauptsächlich Frauen, aber was ist mit den Männern? Zählen die nicht? 

Ich habe nun einige Statements für euch anonymisiert und gesammelt und ich hoffe, jeder macht sich sein eigenes Bild:


Anton, 25, Student:

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Credits: Nastasia Helena

Sarah, 19, Einzelhandelskauffrau:

Es ist schon 1 Jahr her, ich war Single und es war schon nach Mitternacht. Ein Typ, mit dem ich schon länger Kontakt hatte, schrieb mir auf WhatsApp ob ich spontan vorbei kommen will und ich tat es. War ja nichts dabei, ich bin jung und YOLO und so. Bei ihm war's eigentlich recht chillig und wir haben ein Bisschen was getrunken. Wir haben dann geschmust, aber ich wollte nicht weiter gehen und nachhause fahren. Das ließ er nicht zu. Ich sagte deutlich "nein", aber er hat es ignoriert. Wie es geendet hat, will ich gar nicht aussprechen, das habe ich bisher noch niemandem erzählt. 

Sebastian, 29, DJ:

Mir haben einmal beim Auflegen zwei hübsche Engländerinnen sneaky von hinten meinen Nacken geleckt, während meine Freundin vor mir tanzte. Im Endeffekt hat meine Freundin mit mir statt mit ihnen geschimpft.

Florentina, 22, Kellnerin:

Mir ist schon so oft sowas widerfahren, ich glaube, das gehört einfach zum Berufsbild. Wenn man Menschen bedient und auf Trinkgeld angewiesen ist, gehört das dazu. Man wird immer wieder von Gästen angemacht und beim vorbeigehen angefasst, wenn sie betrunken sind, haben sie keine Hemmschwelle und greifen dir ungeniert zwischen die Beine, als wäre es das normalste auf der Welt. Ich habe seit 3 Jahren einen Freund und würde ihn nie betrügen. Ich habe mich auch damit arrangiert, dass diese Belästigungen zu meinem Berufsalltag gehören, aber ihm würde ich das nie erzählen, ich weiß nicht, was er davon halten würde.

Daniel, 32, Immobilienmakler:

Als Mann sowas zu sagen, ist schon irgendwie merkwürdig. Man sagt ja immer, Männer freuen sich, wenn eine Frau sie anmacht. Muss ich das jetzt wirklich erzählen? Na gut, es war meine irre Exfreundin. Wir haben einen gemeinsamen Freundeskreis und sie hat die Trennung irgendwie nicht ganz glauben können. Oder was weiß ich, was die Verrückte sich zusammengesponnen hat, sie hat mich penetrant immer zufällig berührt, egal wo wir waren. Das ging so weit, dass ich meine Handynummer getauscht habe und sie dann manchmal vor meiner Tür gewartet hat. Letztlich bin ich umgezogen und sie hat es 2 Jahre nach der Trennung endlich verstanden. Keine Ahnung ob das noch unter sexuelle Belästigung fällt oder schon als Stalking gilt, aber es war richtig mies. Die Frau macht mir bis heute Angst.

Jasmin, 20, Makeup Artist:

Ich kann gar nicht mehr an zwei Händen abzählen, wie oft ich schon in meinem Leben sexuell belästigt wurde. Beim Fortgehen wird mir beinahe jedes Mal an den Arsch gefasst und oft, wenn ich auf der Straße gehe, hupen mich Männer an oder pfeifen mir hinterher. Grindige und schmierige Aussagen über meine Brüste werden andauernd gemacht und ich werde ständig sexualisiert. Manchmal versuchen mich auch irgendwelche Fremden, vor allem in Clubs, einfach zu küssen und stecken mir ihre Zunge in den Hals, obwohl ich das gar nicht möchte. Es geht teilweise auch soweit, dass mich manchmal Männer verfolgen, passiert ist Gott sei Dank noch nie etwas. Trotzdem habe ich genau wegen solchen Vorfällen oft Angst und traue mich, wenn es spätabends ist, nicht mehr alleine nach Hause zu fahren.

Patrick, 25, Student:

Habe nichts von #metoo mitbekommen und musste extra nachschauen, worum es geht. Aber ja, auch als Mann bekommt man mit, wie Frauen im Club usw. aufdringlich angegraben oder angegrabscht werden. Auch bei Promotionjobs ist es schon vorgekommen, dass meine Kolleginnen von hässlichen und ekelhaften Typen angemacht wurden, obwohl es den Mädels offensichtlich unangenehm war. Mir ist sowas noch nie passiert, ich würde auch eine Frau niemals so anfassen.

Sabine, 23, Friseurin:

Ich glaube, ich bin dieser typische Opfertyp. Also nicht, dass ich schwäch wäre oder so, aber mir passiert so ein Scheiß einfach ständig. Und nicht nur dieses süße Knie streicheln und verbal anmachen, sondern wirklich richtig kranker Scheiß. Ich setze mich in der Mittagspause zum Mci/Burgerking/Fastfoodladen und zack schon kommt eine Jungsgrupppe, setzt sich zu mir, macht mich an und bedrängt mich. Unter der Woche, am hellichten Tag. Vom Fortgehen will ich gar nicht erst anfangen, es gibt immer einen richtig grauslichen Freak, der handgreiflich wird und ratet mal, bei wem er als erstes ist. Richtig, bei mir. Alleine mit den Öffis zu fahren, traue ich mich abends schon lange nicht mehr. Ich habe auch schon so einen Selbstverteidigungskurs gemacht, aber das hilft halt nur, wenn es schon zu einem Angriff kommt. Manchmal wäre ich schon lieber ein Mann und hätte meine Ruhe.

Adam, 27, Web Developer:

Der Nachbar (über 50 Jahre alt) unserer letzten WG lud uns zwei häufig zum Essen und Trinken ein. Mein Mitbewohner war von Anfang an etwas skeptisch, doch ich (damals 23/24) wies naiver Weise stets seine Bedenken zurück. An einem Abend war nur ich zuhause gewesen und es klopfte wieder. Wir tranken bei ihm, aßen was und nach einer Stunde begann er, mit seiner Hand meinem Schritt näher zu kommen. Als ich aufstand und gehen wollte, drängte er sich erneut auf und steckte mir die Zunge in den Hals. Ich flüchtete in meine Wohnung und sperrte panisch ab.


Wie ihr seht, gibt es verschiedenste Arten der sexuellen Belästigung. Es ist egal ob du weiblich, männlich, dick, dünn, hässlich, schön, schlau oder dumm bist. Es trifft leider jeden irgendwann mal. Diese Liste an persönlichen Erfahrungen könnte man ewig fortführen, weil es so viele davon gibt. 

Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt sexuell belästigt zu werden, wie wertlos und benutzt man sich fühlt und wie stinkwütend man wird. Genauso weiß ich, wie sehr man sich schämt und dass man oft gar nicht selbst erkennen kann ob das wirklich sexuelle Belästigung war oder man sich das nur einbildet. Es hilft darüber zu sprechen. Mit Menschen, denen das auch widerfahren ist und denen man vertraut. Ob es wirklich zielführend ist öffentlich im Internet einem Trend zu folgen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und sich zur Zielscheibe zu machen - naja, ich weiß nicht so recht.

Die Grundzüge dieser Bewegung sind sicherlich löblich, aber nachdem der Hashtag nach knapp einer Woche zum viralen Hit wurde, sagt "#metoo" eigentlich nur eines aus: "Es ist ok, sexuell belästigt zu werden." und das ist es eben nicht.

Titelbild Credits: Nastasia Helena

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