Können Beziehungsmenschen auch Sex ohne Liebe haben? (c) Titelbild und Foto Credits: Shutterstock

Können Beziehungsmenschen auch Sex ohne Liebe haben?

Kann man als eingefleischter Beziehungsmensch auch a la Carte Sex genießen? Keine Gefühle, keine Liebe, nur die reine Lust? Geht das überhaupt? Unsere Redakteurin hat einen Selbstversuch gemacht.

Ich bin ja so der typische Beziehungsmensch. In einer Partnerschaft gebe ich (fast) alles – in jeder Hinsicht. Und Sex ist sowieso nur toll mit jemanden den man liebt (oder zumindest mag). Nur, was, wenn eine Beziehung vorbei ist und nicht schon der nächste würdige Nachfolger auf der Schwelle steht? Abstinent bleiben? Sex ohne Liebe auf unbestimmte Dauer - ist doch eher ein klassisches Männerding, oder? Kann ein eingefleischter Beziehungstyp das überhaupt? Ich habe es ausprobiert.

One Night Stand, Friends with Benefits, Casual Sex – alles super fein und sexuell sicher wertvoll, solange keine Gefühle ins Spiel kommen. Einfach das gute alte Rein-Raus-Spiel und gut ist‘s. Blöd, dass ich das nicht kann. Aber warum eigentlich? Ich bin doch ein aufgeschlossener und sexueller Mensch? Gut, mir hat es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nie an männlicher Bewunderung gefehlt – wer geht da noch extra raus um sich Essen zu holen, wenn man das Menü geliefert bekommt und noch dazu den Koch kennt? Blöd, dass so etwas auch immer irgendwie mit Gefühlen verbunden ist, darin endet oder Freundschaften zerstört. Kompliziert ist mein Leben schon genug. Also wage ich mich vorsichtig aus meiner Komfortzone und tauche den Zeh in den großen Online-Dating-Pool.

Ein Profil ist schnell erstellt – und: Meinen ersten Probanden finde ich auch schnell. Charmantes Lächeln, sympathisches Profil. Sucht Casual Sex, ist aber offen für alles. Ich sende ihm ein Lächeln.
"Hi, schöne Unbekannte – tolle Fotos! Wirkst sehr interessant! Lust auf ein Treffen?" Na bitte. Ist doch voll einfach. Das übliche: "Deine Fotos sind Bombe, bist das wirklich du? Bla bla…" werde ich noch öfter lesen. JA, es gibt a lot of fake. Aber Burschen, habt ihr euch draußen schon einmal umgeschaut? Es gibt auch im wirklich Leben scharfe Frauen. "Ja das bin ich. Und leiwand bin ich auch noch.", meine Standardantwort. Der Typ der meinen Humor versteht hat gewonnen, jeder andere kann gern weiter über seine Fake-Theorien brüten. Er versteht ihn. Nach kurzem Smalltalk verabreden wir uns für ein Date im Grünen. Wir schmeißen uns in die Wiese und haben es echt lustig. Sein Profil hält was es verspricht. Wie es sein muss, küsst er mich irgendwann. Ich finde das so befremdlich, dass ich richtig erleichtert bin, als wir zu fummeln beginnen. Es macht Lust auf mehr. Da es bei uns beiden zuhause ungünstig ist, beschließen wir es ein anderes Mal fortzusetzen. Trotzdem fühle ich mich danach komisch. Aber warum? Ich glaube nicht, dass er sich scheiße fühlt, weil ich meine Hand in seiner Hose hatte. Warum ist es aber umgekehrt so? Nach kurzer Hobby-psychologischer Analyse habe ich für mich eine Antwort gefunden: in uns Frauen schlummert – Frauenbewegung und Emanzipation hin oder her - unterbewusst eine Stimme der Stigmatisierung, die uns ein: "Pfui, was machst du da, schämst du dich nicht?" zuflüstert. Na, jetzt erst recht.

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Also auf ein Neues. Und gleich mit einem anderen. Typ Nummer zwei hat schon seinen Fuß in meinem Profil – ein Bisschen jung, aber hübsche, knackige Fotos und er macht es kurz: er findet mich hübsch und sexy und würde sich gern treffen. Auf ein Getränk in einer Bar bestehe ich – ich will mich zumindest pro forma versichern, dass ich nicht in einem Kellerloch lande und mir die Stimme von oben "es reibt sich die Haut mit der Lotion ein" befiehlt. Wer Schweigen der Lämmer gesehen hat, weiß, dass solche Gedanken Urängste auslösen. Kurze Nachricht an meine Freundin, wo ich bin (irgendwo im 4. oder 8.?), dann gehen wir in seine Studentenbude (weiterer Pluspunkt – man kommt so echt viel rum in Wien). Ich hab wie immer Glück, was das angeht, Burschi ist super gebaut, in jeder Hinsicht und weiß was er tut. Aber da kommt wieder ein Haken – er sieht mich währenddessen mit einem Blick an, den ich nicht deuten kann. Ich höre meine Gedankenstimme: "Warum schaut der so? Verliebt der sich jetzt in mich? Ist er fertig? Gesicht mit der Hand wegdrücken funktioniert nur kurzzeitig…und Polster ins Gesicht drücken kommt vielleicht nicht gut. Ich schau einfach weg, wenn er mich ansieht." Aber ich muss sagen, dass ich für das erste Mal mit einem komplett Fremden im Endeffekt ziemlich entspannt bin und echt meinen Spaß habe (und nein er war noch lang nicht fertig). Ich bleibe danach der Höflichkeit halber noch kurz bei ihm. Wir verbleiben mit der Abmachung uns unverbindlich wiederzusehen, wenn wir Lust haben. Als ich den Gang entlang gehe, komme ich mir für einen Moment wie eine Prostituierte vor. An sich nichts Schlimmes, aber warum? – ICH wollte etwas und ICH hab es mir geholt. Beim Auto angekommen, texte ich meiner Freundin: "Bin am Heimweg, nur zur Info." Sie antwortet sofort: "Und?", "Ja, fickbar." Lachendes Emoji und ein Thumbs up von ihr. Dafür sind Freundinnen da. Während ich heimfahre fühl' ich mich plötzlich richtig gut. Was ich nicht alles kann. Und geil war es auch noch. Na bitte, geht doch.

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Mittlerweile haben sich schon einige Nachrichten angehäuft. Die Typen mit denen ich kommuniziere, kommen auf eine Liste. Die reihe ich nach Bewertung und baue mögliche Termine in meinen Kalender ein. Ich bin langsam richtig gut darin. Und es ist echt egoistisch, aber herrlich einfach. Gefällt mir ein Anderer doch besser, oder will ich einen Anderen treffen, tausche ich die Namen um, oder aus. Und das Tolle ist – hier beruht alles auf Gegenseitigkeit. Keine Gefühle, keine Kränkungen.

Dann kommt es: das Superdate. Mit Nummer 3 zum frühen, zwanglosen Abendessen verabredet – und wow. Der hat was. Nicht nur ein schönes Gesicht und einen unverwechselbaren Stil. Wenn er zu reden beginnt, ist es eine Freude ihm zuzuhören und ihn einfach anzusehen. Wir reden und lachen als würden wir uns schon lange kennen. Er lädt mich zum Chillen auf seiner Terrasse ein. Wir trinken, hören Musik und eigentlich könnte ich mich hier schon verlieben. Er trägt mich hoch ins Schlafzimmer und was soll ich sagen – alles perfekt. Nochmal? Puh, ok, der hat es sich echt verdient. Er streckt seinen Arm aus, damit ich mich zu ihm kuschle. Komisch. Ich hab einfach kein Bedürfnis danach. Wo bleibt das Oxytocin? Es ist es ja ein Fluch mit dem Hormon, aber jetzt wo es ganz ausbleibt, nach dem Abend und zwei Malen, finde ich es bedenklich. Oxytocin ist ja wie lange vermutet, nicht nur uns Frauen vorbehalten. Bei Männern wird es genauso ausgeschüttet und ist schuld daran, dass sie sich binden. Ha! Endlich ein Scheiß, den wir mit euch teilen können. Was mir fehlt, schießt ihm anscheinend umso mehr ein. Als ich mich anziehe, umarmt er mich von hinten und fragt, ob ich was vom übrig gebliebenen Essen mitnehmen möchte. Was ich eigentlich total aufmerksam und süß finden würde, löst plötzlich einen Fluchtreflex in mir aus. Im Endeffekt bin froh wieder zuhause und allein zu sein. Und erstaunt darüber, wie schnell man Dinge bzw. sich selbst ändern kann.

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Gesehen habe ich Mr. Superdate noch – allerdings habe ich es mit Absicht langsam auslaufen lassen. Genauso wie mein Selbstprojekt. Ich weiß jetzt, dass ich auch als Beziehungstyp durchaus auch zu Sex ohne Liebe fähig bin und dass man sich an alles gewöhnen kann. Muss aber auf Dauer nicht sein. Ich hätte Angst davor abzustumpfen und mich zu sehr zu verändern. Und, weil es einfach so viel schöner ist, sich auf jemanden richtig einzulassen und mit Oxytocin im Blut zu kuscheln.

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