Wie wird man eigentlich Prostituierte? (c) Foto Credits: Shutterstock

Wie wird man eigentlich Prostituierte?

Ein intensiver Talk mit einer Prostituierten über kleine Schwänze, woran Sexworkerinnen wirklich während des Aktes denken und wieso man ins Milieu einsteigt.

Ich habe keine Ahnung was ich Michaela zuerst fragen soll. Tipps und Tricks beim Sex? Wie die Kunden aussehen? Ob es ihr auch hin und wieder graust? Wie viel man da so verdient? Was der kleinste Schwanz war, den sie je gesehen hat? Ob sie schon mal die Faust in einem Männerarsch hatte? Mir würden tausend Dinge einfallen, die ich wissen möchte. Aber... Kann ich das einfach so fragen? Immerhin sitze ich hier mitten in einem Fischrestaurant der gehobenen Kategorie und mein Sitznachbar versucht gerade, nicht an einer Gräte zu ersticken.

Und da kommt sie auch schon: Michaela*. Eine wunderschöne Brasilianerin, um die 30 Jahre alt. 90 Prozent der Männer im Raum drehen sich schlagartig zu ihr um. 60 Prozent dieser Männer sind in Begleitung und bekommen von dieser prompt eine gepfeffert. Mein Sitznachbar röchelt leise. Michaela ist definitiv ein Hingucker. Gertenschlank, makelloses Gesicht und mit dunklen, langen Haaren. Lässig zupft sie ihr Levis Leibchen zurecht und lächelt mich an. Puh, eigentlich stehe ich ja nicht auf Frauen, aber bei der bekomme selbst ich steife Nippel. Mist, Mist, Mist. Die kann ich doch nicht fragen, wo sie ihre Faust gerade drin hatte?! Als sie sich zu mir setzt, starte ich daher mit einer neutralen Frage zum Aufwärmen. Der Klassiker eigentlich. 

1514385353 shutterstock 716034352

Um Michaelas* Privatsphäre zu schützen, publizieren wir kein Foto von ihr. Zur visuellen Unterstützung dient ein Model, das ihrem Typus entspricht.

Wie bist du in diesen Job eingestiegen?
Michaela*: Anfangs war es nur eine Idee, die ich mit einer Freundin gemeinsam ausbrütete. Nach dem Motto “Und wenn wir das tun würden, dann...”. Für sie blieb es beim Gedankenspiel, aber ich wollte es versuchen. Ob ich es überhaupt kann. Angefangen habe ich vor einer Webcam. Ich erfüllte die Wünsche der User nach nackter Haut. Nur nebenbei. Irgendwann kam dann ein konkretes Angebot eines Users: Geld für Sex. Ich traf mich mit ihm und war danach mehrere Hunderter reicher. Das war mein Einstieg.

Kein Zuhälter, keine Drogen? Einfach so?
Michaela*: Ja, einfach so. Kein Strizzi. Mir kommt sowas nicht ins Haus. Ein Mann, der sich aushalten lässt? Nein. Danke.

Warum machst du diesen Job und arbeitest nicht z.B. im Büro, Verkauf, whatever?
Michaela*: Ich hatte meinen normalen Job satt. Mein Chef stieg mir jeden Tag mehr zu, meine Arbeitszeiten und meine Bezahlung waren nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte so einfach nicht weitermachen.

Wie ging es dann also weiter für dich?
Michaela*: Weiter ging es dann für mich auf eine Odysee durch verschiedenste Studios und Laufhäuser. Jedes Mal wie der erste Schultag. Man kennt die Gepflogenheiten nicht, die Umgebung ist fremd und oft alles andere als einladend. Die Mädels beäugen einen sowieso schief. Jede arbeitet für sich und jedes Mädchen ist nun mal in erster Linie Konkurrenz. Auf den Pages der Häuser lauter schöne, perfekte Frauen. Alle besser als man selbst. Davor musste ich mich allerdings registrieren lassen. Sonst kann man in den Etablissements nicht arbeiten. Die Zeiten meiner Huren Tournee sind nämlich um. Geblieben sind ein paar Groupies in verschiedenen Bundesländern und ein paar wilde Erinnerungen an schräge Aktionen. Zum Beispiel ritt ich in Linz auf einem behäbigen Mittvierziger durch die Innenstadt. Nennen wir ihn “Dixie”. Er wollte ein Pferd sein. So hab ich zumindest ein Bisschen etwas von Linz gesehen. Hoch zu Ross.

1514384754 shutterstock 667528612

Registrierung? 
Michaela*: Ganz simpel. 2 Lichtbilder, eine Polizeistation, ein grüner, ein gelber und ein blauer Schein und mein erster Besuch beim Huren TÜV. Eine Untersuchung, die man früher wöchentlich, nun alle 6 Wochen über sich ergehen lassen muss. Fertig. Et voila - registriert. Da wurde mir das erste Mal richtig bewusst, dass ich nun als Sexworkerin arbeite. Es fühlte sich ziemlich merkwürdig an. Jetzt war's offiziell.

Wie war dein "erstes, offizielles Mal" im Job?
Michaela*: Merkwürdig. Da sitzt man dann im Zimmer und fragt sich nur, wie und ob man mit den anderen, super hübschen Mädels irgendwie mithalten kann. Man schaut sich an: fusselige Haare, zuviel Speck an der Hüfte, Dellen am Po, drei Pickel im Gesicht. Es läutet an der Tür. Und plötzlich wird man gebucht. Zu Beginn ist das alles noch aufregend. Nicht im Sinne von erregend, man ist einfach nervös und würde sich gerne zu einer 2 stündigen Sitzung auf die Toilette zurückziehen. Aber irgendwie läuft's dann doch. Vor allem sind die Kunden oft nervöser als ich.

Wie sind die Typen so?
Michaela*: Es gibt ihn nicht, den "typischen Kunden". Sie kommen alle. Vom 18 jährigen, der gern mal was erleben möchte, bis hin zum 78 jährigen, der gerne Gabi genannt wird und im String mein Zimmer putzt.

Ist es nicht schwierig, mit einem Mann zu schlafen, den man nicht attraktiv findet? Mit einem sehr alten Mann zum Beispiel?
Michaela*: Ja, ist es definitiv. Man denkt dabei einfach an etwas anderes. Es ist zum Glück ein sehr mechanischer Vorgang mit viel "mmh" und "aaaah".

Woran denkst du dann?
Michaela* (lacht): Kleine Einhörner und die Uhrzeit. Meistens.

Gibt es eine Regel für den "perfekten Schwanz"?
Michaela*: Vermutlich von Goethe: Lang und schmal. Frauenqual. Kurz und dick. Frauenglück.

Also nix mit "auf die Technik kommt es an"?
Michaela*: Es kommt definitiv nicht auf die Technik an. Mit 5cm brauchst du keine Technik, sondern ein Wunder.

1514384241 shutterstock 524472340

Ausstieg aus dem Rotlicht... Schon mal darüber nachgedacht?

Michaela*: Natürlich. Welche Frau findet das schon super? Ich kenne keine, die irgendwelche Triebe in diesem Job auslebt. Klar sagen sie, dass dem so ist. Aber - come on - sie wollen nur Geld verdienen. Logisch, dass sie das sagen. Das Problem ist das Geld. Man weiß, was man verdienen kann. Vor allem WIE VIEL in WELCHER ZEIT.

Welche negativen Seiten hat der Job?
Michaela*: Negativ ist, dass man das Gefühl hat, dass einem sein Körper nicht mehr selbst gehört und man als eine Art Freiwild ohne Privatsphäre betrachtet wird. Auch für den Partner zumeist schwer zu ertragen.

Gibt's denn auch positive Seiten?
Michaela*: Man erlebt viel, hat viel Freizeit und verdient gut. Muss jeder selbst wissen, ob es einem das wert ist.


Wer mehr über das Thema Prostitution erfahren möchte: es gibt einen Blog, direkt aus dem Wiener Rotlicht:
www.diedrittefrau.at

Einen weiteren Erfahrunsbericht über das Wiener Rotlicht findet ihr hier.

* Name zum Schutz der Privatsphäre geändert

Foto Credits: Shutterstock

WARDA NETWORK GmbH