Weihnachten polarisiert. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die schon im Sommer anfangen, Christbaumschmuck zu kaufen, und auf der anderen Seite Leute, die sich in dieser Phase am liebsten verkriechen würden, um dem Wahnsinn zu entkommen. Ich gehöre zur definitiv zur zweiten Sorte und erläutere hiermit, weshalb es durchaus berechtigt ist, ein Grinch zu sein.
Massiver Konsumzwang
Die Wirtschaft hat sich ein besonders kluges Konzept überlegt. Weihnachtsangebote prangen von den Plakaten, energiefressende Beleuchtung an jeder Ecke – okay, das schaut eh ganz nett aus – und Weihnachtsmärkte mit dutzenden Betrunkenen. Letzteres ist uns heuer erspart geblieben. Menschen strömen in Massen auf Einkaufsstraßen, weil sie für die Tante dritten Grades irgendein Klumpert besorgen wollen, das am Ende sowieso im Abstellraum landet.
Denn sind wir uns ehrlich: Niemand braucht Schneemann- oder Weihnachtsmann-Skulpturen aus Plastik. Die Tradition zwingt einen förmlich dazu, auf der Stelle ein passendes Geschenk zu finden. Die Zeiten, in denen es lediglich um das Beisammensein ging, sind lange vorbei.
Ich sag mal so als Heidenkind: ich mag Weihnachten ohne Konsumterror. Überhaupt zeigt uns die Pandemie, wie abhängig diese Gesellschaft vom Konsum ist – mental und wirtschaftlich. Das schafft aber doch erst viele Probleme. Machen wir Weihnachten zur #ZeitderBesinnung.
— Kirsten Tackmann (@KirstenTackmann) December 16, 2020
Berge an Müll und die Rodung der Wälder
Jedes einzelne Geschenk wird in Plastik oder Papier verpackt. Menschen kaufen Geschenkpapier, damit der Beschenkte es nach einem kurzen Überraschungseffekt wieder entsorgen kann. Dieser Trend ist weder ökologisch noch ökonomisch, denn genau genommen hat Verpackungsmaterial keinen Nutzen. Außerdem entsteht zwischen Weihnachten und Silvester 20% mehr Müll als während des gesamten restlichen Jahres. Eine nachhaltigere Alternative wären beispielsweise Stoffsäcke oder Zeitungspapier.
Irgendwann hat es sich außerdem etabliert, sämtliche Tannen abzuholzen, sie in Wohnungen abzustellen und mit kuriosen Kugeln zu dekorieren. Der Nutzen dieses Brauches ist ebenfalls unklar. Im Gegensatz zum Geschenkpapier halten Bäume wenigstens länger, nämlich zwischen zwei und drei Wochen. Bis sie dann austrocknen und auf irgendeiner Sammelstelle für sämtliche Opfer des Weihnachtswahnsinns landen.
Weihnachten als Ausrede für Tierquälerei
Traditionen sind den ÖsterreicherInnen bekanntlich besonders wichtig. Aus diesem Grund werden kurz vor Weihnachten jedes Jahr unzählige Karpfen und Truthähne getötet – die meisten stammen aus Intensivtierhaltung. Damit die Puten schön groß und dick ausfallen, werden sie über Wochen gemästet und können sich aufgrund ihres Gewichts kaum noch fortbewegen.
Wobei sie das bei 10 Quadratzentimetern „Lebensraum“ pro Tier ja eigentlich sowieso nicht können. Obwohl die meisten täglich (zum Teil mehrmals) Fleisch essen, tun Menschen zu Heiligabend so, als wäre das Essen etwas ganz besonderes.
Streit in der Familie
Weil die Gesellschaft noch 2020 Jahre später so ein Theater um die Geburt Jesu macht, meinen viele Familienmitglieder, jedes Jahr ausflippen zu müssen. Hat Papa nicht den schönsten Baum gekauft? Scheidung eingereicht. Toleriert Oma Herta deinen veganen Lebensstil noch immer nicht? Sofort enterbt. Hat der an ADHS erkrankte 10-Jährige Max nicht das 514. Computerspiel bekommen? Tobsuchtsanfall.
Egal, was du an Weihnachten tust, es kann nur das Falsche sein. Man hat also nur wenige Optionen: Entweder man täuscht trotz aller Umstände Glückseligkeit vor, schweigt den ganzen Abend oder trainiert seine „Debattierfähigkeiten“. Weihnachten ist außerdem der perfekte Zeitpunkt, um herauszufinden, von welchen Menschen du tatsächlich ignoriert wirst. Denn auf ein nettes „Frohe Weihnachten!“ MUSS man antworten.
Einsamkeit
Während die meisten mit ihrer Familie streiten, bleiben einige Menschen alleine. Viele ältere Menschen, Kinder und Jugendliche in Heimen sowie Obdachlose auf der Straße bekommen jedes Jahr zu spüren, dass sie auf sich allein gestellt sind. Manche Personen sind – vor allem dieses Jahr – geographisch von ihren Liebsten getrennt. Armut ist in der Weihnachtszeit fast ein Fremdwort.
Shopaholics rennen von Geschäft zu Geschäft, um irgendein nutzloses Geschenk zu besorgen, und andere überlegen währenddessen wie sie die nächste Nacht auf der Straße überstehen sollen. Viele Kinder bekommen zu Weihnachten gar nichts, weil deren Eltern gerade noch so Geld für Lebensmittel auftreiben können. Daher ist es auf jeden Fall überlegenswert, anderen eine Spende für eine Organisation ihrer Wahl zu schenken.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine Tradition kein Argument, sondern eine Ausrede ist. Manchmal lohnt es sich, bestimmte Bräuche nach deren Sinnhaftigkeit zu hinterfragen.
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