Klingeltöne und Vibrationen. Dass uns Smartphones ablenken, war immer schon klar. Doch Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler, Psychiater und Professor für Psychiatrie kommt in seinem neuen Buch „Die Smartphone Epidemie“ zu so einigen erschreckenden Erkenntnissen. Eine davon: Smartphones unterbrechen die Denkleistung der Menschen selbst dann, wenn sie ausgeschaltet sind.
Selektive Aufmerksamkeit und der Mythos des Multitasking
Selektive Aufmerksamkeit ist ein wissenschaftlich, eigentlich recht bekanntes Phänomen. Dieses besagt, dass die Kapazität des Menschen, Reize zu verarbeiten, begrenzt ist. Alle, die immer schon gemeint haben, passionierte und erfolgreiche Mulittasker*innen zu sein, aufgepasst: Eure auch so tolle Fähigkeit gibt es gar nicht, sie funktioniert nicht. Es ist unmöglich mehrere Dinge gleichzeitig zu denken und bei jedem dieser Dinge gleich gut zu sein. Der Mensch kann sich immer nur auf eine Sache bewusst konzentrieren.
Auch kann das menschliche Gehirn nicht zwischen mehreren Dingen gedanklich einfach hin und her springen, ohne an Konzentrationsleistung einzubüßen. Denn es dauert für das Gehirn immer länger, wieder in den alten Flow der einen Beschäftigung zurückzufinden. Sodass man bei ein und derselben Sache nach jeder Unterbrechung gedanklich immer schlechter wird und immer mehr Zeit benötigt, um „wieder reinzukommen“. Die mit der selektiven Aufmerksamkeit verbundenen Funktionen des Arbeitsgedächtnisses und der fluiden Intelligenz, sind begrenzt. Man kann zum Beispiel nur ein Buch auf einmal lesen – klar! Der Mensch ist nämlich beschränkt in Hinblick darauf, was er zu einem bestimmten Zeitpunkt tun kann.
Smartphones – klingelingeling!
Aber nun zu den Smartphones. Klingelt ein Handy zum Beispiel während des Unterrichts, dann wird der zu genau diesem Zeitpunkt präsentierte Lerninhalt mit geringerer Wahrscheinlichkeit beachtet, aufgeschrieben oder gar behalten. Auch das leise Stellen funktioniert wissenschaftlich gesehen nicht, wie Spitzer erklärt. Geräusche lenken ab und beeinträchtigen die Aufnahmefähigkeit. Hört sich zuerst einmal logisch an, nachvollziehbar.
Doch es kommt noch dicker! Denn schon die bloße Präsenz eines Smartphones kann dazu führen, dass man sich weniger auf eine Sache konzentrieren kann. Warum das? Weil man, so Spitzer, andauernd dabei ist, eben nicht auf sein Smartphone zu achten. Der Spruch „Nicht an einen rosa Elefanten denken!“, kennt man ja und die Aufforderung an einen eben solchen nicht zu denken, führt erst recht dazu, dass man genau an einen solchen denkt, denken muss.
Die Schwierigkeit etwas nicht zu tun
Die Zusatzaufgabe (zum primären Lernen zum Beispiel), etwas nicht zu tun (was zunächst als recht harmlos erscheint), wird Spitzer zufolge, genau dazu führen, dass man während dieser Zeit weniger an Leistung zustande bringt. Weil das Denkvermögen mit einer zusätzlichen Aufgabe beschäftigt ist (Eben nicht an etwas zu denken). Selbst wenn diese Zusatzaufgabe nur darin besteht, etwas explizit nicht zu tun, was man ohnehin nicht getan hätte – ans Smartphone denken.
Nichts andere hat eine Studie über Smartphone-Verhalten nachgewiesen:
„Smartphones können zu einer neun Verteilung von Aufmerksamkeitsressourcen zwischen der Beschäftigung mit der Kernaufgabe und der Hemmung der Aufmerksamkeit auf das Telefon führen. Da die Hemmung der automatischen Aufmerksamkeit (auf das Smartphone. Anm. d. Red.) Aufmerksamkeitsressourcen beansprucht, kann die Leistung bei Aufgaben, die auf diese Ressourcen angewiesen sind, auch dann leiden, wenn sich die Verbraucher nicht bewusst um ihre Telefone kümmern.“
Smartphones unterbrechen die Denkleistung selbst dann, wenn sie ausgeschaltet sind
Es geht also nicht nur darum, dass die Benutzung eines Smartphones ablenkend wirkt – jo, na nit. Es geht auch nicht darum, was geschieht, wenn es nur klingelt und nicht benutzt wird. Nein, es geht darum, dass das Smartphone auch eine Auswirkung auf einen hat, wenn es einfach nur still und stumm vor einem liegt.
„In der Tat nutzen viele Menschen ihr Smartphone so häufig, dass es ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens wird, sodass es permanent der Anwendung kognitiver Ressourcen bedarf, um es nicht zu beachten.“, so Manfred Spitzer in seinem neuen Buch Die Smartphone Epidemie. Allein schon die stumme Gegenwart der Smartphones ist ablenkend.
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Die Studie und das Fazit
Bei der Studie, welche diese Tatsache herausgefunden hat, wurden für die Versuchspersonen drei Szenarien geschaffen.
A: das Smartphone war sichtbar deutlich präsent (lag auf dem Schreibtisch)
B: Das Smartphone befand sich in der Nähe, war aber nicht sichtbar (in der Hosen- oder Handtasche)
C: Das Smartphone lag in einem anderen Raum.
Ausgeschaltet war das Smartphone in allen Szenarien. Weder klingeln noch Vibration! Dann wurden die Arbeitsleistung und die fluide Intelligenz gemessen.
Ergebnis: „Sowohl im Hinblick auf das Arbeitsgedächtnis als auch in Bezug auf die fluide Intelligenz zeigte sich ein signifikanter Unterschied bei den Testleistungen im Hinblick auf die verwendeten Maße der kognitiven Verarbeitungskapazitäten: Sowohl das Arbeitsgedächtnis als auch die fluide Intelligenz nahmen mit zunehmender Präsenz des eigenen Smartphones ab.“
Auch wenn die meisten Teilnehmenden der Studie behaupteten „gar nicht“ an ihr Smartphone zu denken, schnitten diese umso schlechter ab desto näher ihr Smartphone bei ihnen war. Die Proband*innen waren sich der nachweislich vorhandenen Auswirkungen des Grades der Präsenz ihres Smartphones gar nicht bewusst. Fazit: Das bloße Vorhandensein eines Smartphones verringert die verfügbare kognitive Kapazität und beeinträchtigt die kognitiven Funktionen, selbst wenn es gelingt, sich auf die jeweilige Aufgabe zu konzentrieren.
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