Während andere am 11. November um 11:11 die Faschingszeit mit Pappnasen und Karnevalsumzügen einläuten, holen die Wiener:innen ihre Tanzschuhe aus dem Schrank und schwingen das Bein. Denn die Wiener Ballsaison wird traditionell mit einer Publikums-Quadrille, einem Galopp und natürlich einem Wiener Walzer direkt am Graben in der Wiener Innenstadt von den hiesigen Tanzschulen eröffnet.
Die Stadt wird zu einem großen Tanzparkett
Die Eröffnung der Ballsaison mag kitschig wirken – und ja, das ist sie wohl auch. Aber genau das macht ihren unverwechselbaren Charme aus. Wien nimmt seine Bälle ernst, und zwar nicht nur wegen der rund 450 Tanzveranstaltungen, die ab Silvester die Stadt in Bewegung versetzen. Hier wird nicht einfach nur getanzt. Hier werden Traditionen bewahrt, der Glamour des alten Europas zelebriert und die Kunst des Walzerschritts zur Perfektion getrieben.
Doch die Ballsaison ist weit mehr als bloßer Pomp und Politur. Sie ist ein Mikrokosmos der Wiener Seele: ein bisschen snobistisch, ein bisschen ironisch und randvoll mit unerzählten Geschichten. Wer sind diese Menschen, die in Tüll und Frack stundenlang Pirouetten drehen? Warum fühlt sich die ganze Stadt wie ein einziges, riesiges Tanzparkett an?
Von „Dantz“ bis Walzerkönig: Wie Wien zur Ballhauptstadt wurde
Die Wiener Ballsaison ist Teil der österreichischen Geschichte und tief in die DNA der Hauptstadt verankert. Ihre Wurzeln reichen zurück ins 17. Jahrhundert, als der Adel sich noch auf höfischen „Dantz“-Veranstaltungen traf. Im 18. Jahrhundert etablierte sich dann der Begriff „Ball“. Doch das war erst der Anfang. Mit der prunkvollen Hofburg als Schauplatz für Masken- und Gesellschaftsbälle wurde Wien zum Zentrum einer Tanzkultur, die während des Wiener Kongresses (1814-1816) ihren Höhepunkt fand.
Damals schlug das Herz der Stadt sprichwörtlich im Dreivierteltakt, denn die politischen Geschicke Europas wurden zwischen Galopp und Walzer neu sortiert. Bälle waren weit mehr als bloßes Tanzvergnügen. Sie waren das LinkedIn des 19. Jahrhunderts: ein Ort, an dem Kontakte geknüpft, Strategien geschmiedet und Ehen arrangiert wurden.
Für die High Society waren Bälle ein absolutes Muss, während sie für den Rest der Bevölkerung eher wie ein unerreichbarer Traum wirkten. Der „Hofball“ und der „Ball zu Hofe“ waren so exklusiv, dass sie einem Adeligen quasi den Stempel „vollkommen etabliert“ aufdrückten. So war das Tanzparkett auch gleichzeitig ein Spiegel für gesellschaftliche Machtverhältnisse. Ein Vermächtnis, das die Wiener Ballkultur bis heute, auch wenn sehr stark abgeschwächt, noch in sich trägt. Denn Wien verstand es meisterhaft, den Tanz mit Prestige zu verbinden.
Der Einzug der Ballsaison in die Moderne
Im 19. Jahrhundert katapultierte sich Wien als Hauptstadt der Bälle endgültig ins Rampenlicht. Namenhafte Veranstaltungen wie der TU-Ball (seit 1815), der Concordiaball (Mitte des 19. Jahrhunderts) oder der legendäre Opernball (1877 erstmals als „Opernsoirée“) wurden zum Inbegriff für Glanz und Eleganz.
Später wurde der Opernball von Protesten begleitet. Die erstmalig in Wien im Jahr 1987 stattfanden. Der Auslöser für diese erste Demonstration war der Besuch des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß beim Wiener Opernball. Die Proteste richteten sich hauptsächlich gegen Strauß‘ Unterstützung für den Bau der atomaren Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf.
Bereits bei dieser ersten Demonstration kam es zu „massiven Ausschreitungen“. Es flogen Steine, die Polizei setzte Schlagstöcke ein, und es gab mehrere Verletzte sowie rund 40 Festnahmen. Innerhalb der Oper warfen Atomgegner bei der Eröffnung Flugblätter in den Ballsaal und entrollten ein Transparent. In den folgenden Jahren entwickelten sich die Opernballproteste zu einem wichtigen Ereignis im Kalender der österreichischen Linken, wobei die Demonstrationen in den Jahren 1988 und 1989 besonders intensiv waren.
Heute ist die Wiener Ballsaison fester Bestandteil des kulturellen Lebens und beeindruckt mit schierer Größe und Vielfalt. Die rund 450 Bälle locken jährlich etwa 300.000 Gäste auf die Tanzflächen der Stadt. Vom 11. November bis Faschingsdienstag ist Wien ein einziges schillerndes Parkett, auf dem sich Tradition und Moderne die Hand reichen.
Vieles, wie strenge Dresscodes, hat sich gehalten und macht die Ballsaison zu einer lebendigen Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Doch es ist nicht nur die Nostalgie, die die Menschen begeistert: Es ist die Wiener Art, Geschichte mit einem Augenzwinkern zu erzählen und dabei den Takt der Stadt niemals aus den Augen zu verlieren.
Titelbild © Shutterstock
DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN
Unter der Woche Arzt, am Wochenende voll drauf! Interview mit einem angehenden Arzt
Es ist eine befremdliche Vorstellung. Der Arzt, der deiner Oma gerade das Leben rettet, saß vor ein paar Stunden noch […]
WG gesucht: 11 Tipps für eine erfolgreiche Wohnungssuche
WG gesucht! Ihr habt euch für ein Studium oder einen Job in einer anderen Stadt entschieden. Der nächste Schritt ist […]
Kleo - Bemühte, aber zu lange Netflix-Serie über ostdeutsche Racheagentin
Die Ausgangssituation der deutschen Netflix-Serie Kleo hört sich recht vielversprechend an. 1980er-Flair und Ästhetik, eine modisch aufreizende und rechende Killerin und eine flotte Mucke, die der Zeit entspricht. Und die Serie ist auch nicht schlecht. Doch leider geht Kleo, in der Ewigkeit anmutender und leider allzu klassischer Netflix-Überlänge, die Luft aus.
Das Ideal der Schönheit - gibt es das überhaupt?
Meist sehen wir das perfekte, strahlend weiße Lächeln und einen durchtrainierten Körper. Aber was verstehen wir eigentlich unter Schön sein?
Japans Finanzamt startet Wettbewerb, um Alkoholkonsum zu steigern
Das japanische Finanzamt hat einen Wettbewerb ins Leben gerufen. Gesucht werden Ideen, wie man den stark gefallenen Alkoholkonsum im Land, vor allem bei jungen Japaner*innen, wieder steigern kann. Denn mehr Alkohol bedeutet auch: mehr Steuereinnahmen.
Fressefreiheit, Wichswichtel, Klötenkobold und Co: Was ist das beste Jugendwort des Jahres?
Jedes Jahr kührt eine unabhängige Jury das Jugendwort des Jahres. Letztes Jahr war es zum Beispiel das Wort „Cringe“. Auch […]







