Die weibliche Sexualität hat sich verändert. Ins Positive möchte man meinen. Doch auch wenn archaische Tabus durchbrochen und sexuelle Lust „normalisiert“ wurden, steht uns Frauen schon die nächste gesellschaftliche Hürde bevor. Und wir schaffen sie durch unsere unüberlegte Einwilligung vielleicht sogar ein Stückchen selbst.
Es ist spät. Ein Freitagabend und ich sitze gemütlich im Garten mit meinen Freundinnen und einigen neuen – vor allem männlichen – Bekanntschaften bei ausreichend Prosecco und Bier. Feucht fröhlich beschließen wir uns etwas näher kennenzulernen und entscheiden uns dafür, Picolo (Anm. d. Red.: Trinkspiel-App) auf einem unserer Smartphones zu spielen. Wir tun es unseren Getränken gleich und entscheiden uns für die prickelnde Variante „Heiß“ des Handyspiels, um das Kennenlernen etwas aufregender zu gestalten.
Bereits bei der zweiten Frage „Welche Stellung hast du beim Sex am liebsten?“ bemerke ich etwas, dass mich gewaltig schlucken lässt. Bei nahezu allen fällt dieselbe Antwort: der „Doggy-Style“. Prinzipiell eine mehr als legitime Lieblingsposition beim Liebesspiel. Wäre da nicht meine Kenntnis darüber, dass über die Hälfte meiner Freundinnen gerade nicht die Wahrheit sagt – aber wieso?

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Throwback ein paar Wochen zuvor. Es wird heiß diskutiert in meinen vier Wänden. Wie so oft geht es um nichts Geringeres als Sex, Sex und noch mehr Sex. Meine Mädels und ich plappern unbefangen drauf los, keine Story wird ausgelassen, verkürzt oder beschönigt. Und unter anderem werden auch die sexuellen Präferenzen von jeder Einzelnen im Bett deutlich. Von A wie „Achterstellung“ bis Z wie „Zange“, gefühlt das ganze Kamasutra-Lexikon wird behandelt. Hemmungslos und ohne einen Deut von Scham wird stolz aus dem Nähkästchen geplaudert. Niemand nimmt auch nur ansatzweise ein Blatt vor den Mund. Jede weiß genau, worauf sie steht.
Es beschleicht mich ein Gefühl der Freude. Vielleicht sogar der Erleichterung, denn es scheint, als hätten wir Frauen einen Punkt erreicht, an dem es uns möglich ist, völlig losgesprochen vom längst überholten Korsett des obsoleten gesellschaftlichen Denkens, unsere Sexualität und alles was dazu gehört, emanzipiert zum Ausdruck zu bringen – ja, das dachte ich.
Zurück zum besagten Freitagabend. Es ist also ein Moment der unangenehmen Verwunderung, als ich die Antworten meiner Freundinnen höre. Fast schon ein bisschen ein Schlag ins Gesicht. Während ich auf diese Aussagen gefühlt drei Gläser auf ex runterkippe, weil ich nicht glauben kann, was hier gerade passiert, tippt mir eine Freundin, welche meine Fassungslosigkeit deutlich bemerkt hat, unauffällig auf die Schulter und meint: „Manchmal muss man eben ein bisschen schwindeln, um zu gefallen“ – echt jetzt?
Angst vor unserem sexuellen Ich
Ich stelle mir seither wiederholt die Frage, was Frauen dazu bewegt, unehrlich gegenüber ihren Vorlieben zu sein. Sind wir Frauen doch nicht so selbstbestimmt, wie gedacht? Es wirkt fast so, als hätte sich die weibliche Sexualität nicht emanzipiert, sondern lediglich an ihr Gegenüber angepasst. Stecken wir zurück, um zu gefallen? Sprechen wir nicht aus, was wir denken und fühlen, aus Angst, entweder zu aufgeschlossen oder zu reaktionär zu wirken?
Verschweigen wir Frauen einstige Gspusis vor unseren gegenwärtigen Partnern, um nicht allzu promisk zu wirken? „Zu viel“ Erfahrung – unsexy? „Zu wenig“ Erfahrung – prüde? Es ist eine Gratwanderung. Wenn es um Beziehungen geht, wollen Männer häufig jemanden mit einem möglichst niedrigen „Body count“, wenn es allerdings um eine Affäre geht, stellen weitläufige Erfahrungen, auch mit wechselnden Geschlechtspartnern, selten ein Problem dar.
Oft bekomme ich zu hören, wie Typen Mädels vergleichen, damit prahlen was die eine nicht alles „mit sich hat machen lassen“, während die andere ja ziemlich langweilig gewesen sei, hätte sie doch nur „den normalen Sex“ gewollt. – was ist denn bitte abnormaler Sex?

Der Terror des Ja
Psychologin und Familientherapeutin Sandra Konrad aus Hamburg spricht in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will“ vom sogenannten „Terror des Ja“. Damit meint sie, dass vor allem junge Frauen sexuelle Praktiken zulassen, die ihnen per se keine Lust bringen, zu denen sie aber trotzdem einwilligen, um ihren Partner zufriedenzustellen. „Sexy zu sein, ist wichtiger, als lustvoll zu sein“, ist hierbei das Motto.
Heutzutage ist das Sex Haben an sich nicht mehr das Problem, sondern eher das Grenzen setzen. Klar nein zu sagen, sich behaupten, aussprechen, was einem selbst Lust bereitet und was nicht. Selbstverständlich können sexuelle Praktiken, die einem selbst nicht unbedingt zusagen, lustvoll sein, wenn der andere es genießt. Das sollte dann aber doch nicht das Hauptziel beim Sex sein.
Selbstbestimmt entscheiden zu können, selbstbewusst vermitteln, was einem Spaß macht, das scheint oft problematisch. Wir tun das aus Angst, falsch wahrgenommen oder negativ bewertet zu werden. Jemand könnte aufregender, interessanter, sexuell liberaler sein als wir. Wir zwängen uns mit diesem permanenten Ja weitgehend unbewusst wieder in ein gesellschaftliches Korsett hinein, verrennen uns in neue Tabus und kämpfen kontradiktorischer Weise gleichzeitig für das freie Ausleben unserer Sexualität und eine uneingeschränkte Kommunikation.
Unechte Vorlieben – Echte Frustration
Selbst wenn eine Frau als die erfahrenste, extrovertierteste, experimentierfreudigste Person überhaupt rüberkommt, heißt das noch lange nicht, dass sie das auch wirklich ist. Die heutige Gesellschaft hat uns das „Ja und Amen“ im Bett mehr oder weniger antrainiert.
Aber ist es erstrebenswert, jemandem um jeden Preis gefallen zu wollen? Welchen Nutzen bringt es, bei seinen eigenen Vorlieben zu flunkern, außer Unzufriedenheit im Bett, unangenehme Situationen und unechte Orgasmen. Jemand, der meine Vorlieben und meine sexuelle Vergangenheit nicht akzeptiert, hat in meinem Bett nichts verloren. Aufrichtig und selbstbewusst zu sich selbst und seinen sexuellen Präferenzen stehen heißt die Devise. Akzeptanz, Konsens und Rücksichtnahme. Das sind Komponenten, auf die wir setzen sollten. Denn nicht nur unsere Geschlechtspartner haben das Recht, das Liebesspiel befriedigt zu beenden.
Wir Frauen haben es geschafft, das einstige Tabu, nicht frei über unsere Sexualität entscheiden zu können und sie nur bedingt ausleben zu dürfen, aufzubrechen. Schaffen wir uns doch bitte kein neues.
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