Es gibt immer mehr Fetische. Ein Bereich, der früher einmal überschaubar war, ist mittlerweile recht unübersichtlich geworden. Von Luftballonfetisch bis Fuß-Fetisch kann man da leicht den Überblick verlieren. Das Auftauchen eines neuen Fetischs macht die Sache natürlich nicht leichter. Dennoch widmen wir uns in diesem Artikel dem Free-Use-Fetisch, also dem Wunsch, jederzeit und überall sexuell verfügbar zu sein.
Soziale Medien: Schlachtfeld nackter Körper und Zensur sexueller Inhalte
Es ist eine Tatsache. Die sozialen Medien sind, was Sex betrifft, recht prüde. Damit meinen wir nicht die obszöne Über-Verwendung nackter Frauenkörper, die, natürlich Algorithmus-bedingt, am meisten Aufmerksamkeit generieren. Vielmehr geht es bei dieser Form der Prüderie bzw. Zensur um die Fehlende tiefer reichende Abhandlung über sexuelle Praktiken, Orientierungen, Krankheiten und so weiter. Sex gib es auf Facebook, Instagram, TikTok und Co nur in Form von Kardashian ähnlichem Gepose. Eine Aufklärung im klassischen Sinne findet nicht statt, kann es aufgrund der Filter gar nicht.
Die User sind aber natürlich nicht auf den Kopf gefallen. Trotz der Zensur „expliziter Inhalte“ und anderer Inhalte, die nicht explizit sind, aber genauso nicht gezeigt werden, haben die Menschen Methoden gefunden, über ihre sexuellen Vorlieben und Fetische zu sprechen, und zwar auf eine Weise, welche die Zensur geschickt umgeht.
Algospeak: Seggs, Free use und Co
In den sozialen Netzwerken weit verbreitet ist zum Beispiel das Hashtag „Seggs“. Allein auf Instagram sind mehr als 19.000 Beiträge damit markiert. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Musikrichtung oder ähnliches, sondern um ein Codewort für das phonetisch identische Wort „Sex“.
Diese Geheimsprache nennt sich Algospeak, und junge Nutzer*innen verwenden diese, um die automatischen Filter von Plattformen zu umgehen. Diese Filter erkennen nur Wörter, die genauso aufgeführt sind – bei Sonderzeichen und Umschreibungen wird die algorithmische Zensur jedoch wirkungslos. Aus „lesbian“ wird so beispielsweise „le$bian“, aus „schwul“ wird „s<hwul“. Neueste „Errungenschaft“ ist seit einiger Zeit der Begriff „Free Use“. Was unschuldig wirkt, bezeichnet jedoch einen mehr oder weniger neuen Fetisch.
Der Free-Use-Fetisch
Ein Free-Use-Fetisch bezeichnet im Grunde den Wunsch, jederzeit und überall von einer anderen Person sexuell benutzt werden zu können. Früher galt diese Neigung als randständig, auch unter den Fetischen. Doch mittlerweile gibt es mehr Content zu diesem Begriff als je zuvor. Es existieren mehrere NSFW (Not Safe For Work)-Subreddits zu dem Wort, wobei eines davon sogar 1,4 Millionen Mitglieder hat. Einige TikToks zu diesem Thema wurden mehrere Millionen Mal angesehen.
Einerseits tragen diese Communitys und Videos zur Normalisierung dieses Fetischs bei und bringen Menschen in Kontakt, die andernfalls möglicherweise nie davon erfahren hätten. Andererseits sind diese Posts jedoch nicht unumstritten.
@sharel_graham
Free-Use: eine Praxis mit langer Geschichte
Dabei ist Free-Use nicht wirklich neu und bezeichnet einfach eine konsensbasierte Vereinbarung zwischen zwei Erwachsenen. Wobei einer Person die Freiheit zugesprochen wird, über die andere nach Belieben und zu jeder Zeit sexuell verfügen zu können. Ganz egal, ob die verfügbare Person isst, schläft oder anderweitig beschäftigt ist.
Wenn man sich diesen Ansatz genauer ansieht, dann wird schnell klar, dass es hier eine starke Verbindung zu den klassischen Sub- und Dom-Rollen aus der BDSM-Welt gibt. Eine Person dominiert, während die andere als Subbie eben unterworfen wird. Der Begriff Sub oder auch Subbie bezeichnet jene devoten und submissiven Menschen, die sich im Rahmen der BDSM-Spielereien einer dominanten Dom-Person unterwerfen und so eine Zeit lang die Kontrolle abgeben.
Wichtig: Bevor es zu so einem sexuellen Zusammenspiel kommt, werden im Vorhinein natürlich Regeln aufgestellt und persönliche Grenzen festgelegt, die unbedingt eingehalten werden müssen. Darüber hinaus gibt es auch ein Codewort, dass dieses Spiel bei Unzufriedenheit sofort beendet.
Die Problematik des Free-Use-Fetisch aus den sozialen Medien
Das Problematische am Free-Use-Fetisch ist jetzt aber nicht die Tatsache, dass dieser existiert. An einvernehmlicher Unterwerfung, die in einem sicheren Rahmen sich vollzieht, ist nichts auszusetzen. Problematisch ist jedoch die Art, wie über Free-Use in den sozialen Medien gesprochen wird.
Unkommentiert werden auf TikTok und Co die Fahnen für eine sexuelle Praxis geschwungen, ohne dabei jemals über die Hintergründe aufzuklären. Hintergründe, zu denen vor allem diese vorangegangene Einvernehmlichkeit zählt, die sich aus vorher festgelegten Grenzen und Regeln zusammensetzt.
Dutzende Videos zu Free-Use gingen viral, die das alles unerwähnt ließen. So entsteht natürlich der Eindruck, dass man sich beim Free-Use ohne Vorbehalte und Regeln einer dominanten Person einfach so unterwirft. Eben ohne vorherige Absprachen. Kritik ließ natürlich nicht auf sich warten. Von Vergewaltigung und Vergewaltigungsfantasien war die Rede.
😐
The yassification of rape. Ask yourself why you want this pls. https://t.co/AWKaiNyLCW pic.twitter.com/leIA1jc9UW
— 🇪🇸🇵🇭✡︎ (@notivaann) August 14, 2023
Free-Use-Fetisch: ein Missverständnis
Ergebnis: ein einziges Missverständnis. Denn die meisten Menschen, die einen Free-Use-Fetisch praktizieren, würden nicht unterschreiben, dass ihre Vorliebe etwas mit Vergewaltigung oder Vergewaltigungsfantasien zu tun hat. Denn Vergewaltigungsmotive sind bei Free Use nicht zwangsläufig der Fall, wie Vice aufklärt.
Das soll jetzt aber nicht bedeuten, dass die Fee-Use-Posts auf TikTok und Co nicht auch problematisch sind. Denn das fehlende Kommunizieren der so wichtigen Punkte, wie der Einvernehmlichkeit und der vorangehenden Festsetzung der Rahmenbedingungen ist kritisch zu sehen, wird so doch das Bild einer vorbehaltlosen Unterwerfung und einer radikalen Objektifizierung vermittelt. Doch eben das ist diese Praktik eben nicht!
Fehlender Facettenreichtum
Nie „Nein“ sagen und ein Objekt werden, das nach Belieben benutzt werden kann. Das Problem ist, dass Free-Use falsch bzw. überhaupt nicht richtig kommuniziert wird. Und darin liegt auch die Gefahr.
Diese Form der sexuellen Interaktion erfordert nämlich ein gewisses Maß an Kommunikation und eine Auseinandersetzung damit, wer man ist und wo die eigenen Grenzen liegen. Ein Punkt, der in diesen viral gegangenen Clips nie thematisiert wird. Diese zelebrieren vielmehr eine radikale Form der Objektifizierung und Unterwerfung, die das Subjekt mit seinen persönlichen Wünschen komplett auslöscht. Außer natürlich den Wunsch, lediglich Objekt zu sein.
In den Vordergrund stellt man allein die Objektwerdung. Dass es dabei vor allem einen beiderseitigen Konsens sowie auch Regeln gibt, wird verschwiegen. sharell_graham zum Beispiel stellt in ihrem TikTok-Post Free-Use mit roughem Sex gleich — was es jedoch überhaupt nicht sein muss!
Am Ende wird in den meisten dieser Posts ein konsensbasiertes Konzept lediglich auf die skandalöse Praxis der Unterwerfung reduziert. Wie so oft bei solchen Trends wird auch beim Free-Use etwas Facettenreiches in eine simple Form gepresst, die Menschen immer eindimensionaler werden lässt. Doch die Wahrheit über Free Use ist jedoch eine ganz andere. Und dass es vermehrt Frauen mit einem eigenen OnlyFans-Account sind, die Free-Use in den Himmel propagieren, ist auch wieder eine Geschichte für sich.
Titelbild © Shutterstock
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