Durchschnittlich trifft ein erwachsener Mensch etwa 35000 Entscheidungen pro Tag. Einige von ihnen treffen wir unbewusst und schnell, andere hingegen rauben uns den Schlaf. Ist die Qual der Wahl überhaupt notwendig? Superdeterminismus ist eine Hypothese, welche besagt, dass all unsere Entscheidungen eine Illusion sind. Vereinfacht gesagt: Der freie Wille existiert nicht. All unsere Entscheidungen sind vorherbestimmt, wir sind uns dessen nur nicht bewusst.
Was ist Superdeterminismus?
Superdeterminismus ist keine Neuerscheinung. Der theoretische Rahmen wurde schon vor Jahrzehnten skizziert. Er dient vor allem als Antwort auf mehrere Phänomene der Quantenmechanik. Darunter die offensichtliche Zufälligkeit von Quantenereignissen, ihre offensichtliche Abhängigkeit von menschlicher Beobachtung und Messung und dem Phänomen der Nichtlokalität.
Unter Nichtlokalität versteht man einen Effekt beziehungsweise die Fähigkeit, durch die Messung an einem Ort das Ergebnis einer Messung an einem anderen Ort sofort zu bestimmen. Einstein selbst warf der Quantenmechanik Unvollständigkeit vor. Er erklärte die beschriebenen Phänomene folgendermaßen: Es muss versteckte Variablen geben, welche von der Theorie des Superdeterminismus übersehen oder vernachlässigt werden.
Physiker John Bell, welcher vor allem für das John Bell Theorem, beziehungsweise die Bell’sche Ungleichung bekannt ist, zeigte eine neue Perspektive in Bezug auf das Phänomen Nichtlokalität auf. Man könnte fast sagen, dass John Bell die Nichtlokalität entmystifizierte, als er sich 1985 dazu in einem BBC-Interview dazu zu äußerte.
Er sagte, dass das Rätsel der Nichtlokalität dann verschwinden würde, wenn man annehme, dass die Welt superdeterministisch sei. Dieser Determinismus würde sich nicht nur auf den Mensch und seine Entscheidungen beziehen, sondern auch auf die Natur und unseren Glauben.
Unter Determinismus versteht man eine philosophische Theorie, nach welcher das gesamte Geschehen innerhalb des Universums, dazu zählt auch das menschliche Verhalten, durch unveränderliche Naturgesetze eindeutig vorherbestimmt ist. Diese Bestimmtheit muss nicht ausschließlich kausal sein, entscheidend ist nur, dass ein gesetzartiger Zusammenhang existiert. Das ist bedeutend, weil die meisten physikalischen Gesetze keine Kausalität aufweisen, dennoch deterministisch sind. Kurz gesagt: Determinismus bedeutet nicht gleich Kausalität.
Physikerin Hossenfelder: „Zusammenfassend ist der freie Wille logisch zusammenhangloser Unsinn.“
In einem Video, welches vor nicht allzu langer Zeit erschienen ist, erklärt Physikerin Sabine Hossenfelder, dass der Superdeterminismus die scheinbare Zufälligkeit der Quantenmechanik eliminiert. In der Quantenmechanik können nur Wahrscheinlichkeiten von Messergebnissen vorhergesagt werden, aber nicht die Messergebnisse selbst.
Die Messergebnisse sind nicht bestimmbar, deshalb ist die Quantenmechanik nicht deterministisch. Quantenmessungen an sich sind nicht vorhersehbar, da Informationen fehlen. Genauer gesagt existieren versteckte Variablen, die die Messergebnisse verfälschen. Superdeterminismus beseitigt das Messproblem und die Nichtlokalität, sowie die Zufälligkeit.
Diese versteckten Variablen haben auch Einfluss auf die Durchführung der Experimente. Physiker glauben, sie selbst wählen ihre Optionen im Laufe des Experiments, aber das stimmt nicht: Die verstecken Variablen geben sozusagen den Ablauf vor. Hossenfelder bezeichnet den freien Willen zusammengefasst als „logisch zusammenhanglosen Unsinn“.
Weiters ist Hossenfelder der Meinung, dass Physiker imstande sein könnten, den Superdeterminismus experimentell zu eliminieren. Ihre Prognose ist, dass sich irgendwann herauskristallisieren wird, dass Messergebnisse tatsächlich viel akkurater vorhersagbar sind, als die Quantenmechanik behauptet. Sie sagt auch, dass es gut möglich sei, dass einige Forscher die richtigen Daten vielleicht sogar schon vor sich liegen hatten, nur wurden diese nicht richtig analysiert.
Albert Einstein und seine Zweifel am Konzept des freien Willens:
Das Engagement für den Determinismus teilt Hossenfelder mit keinem geringeren als Albert Einstein. Denn auch er zweifelte an dem Konzept des freien Willens und war der Überzeugung, dass bestimmte Ursachen bestimmte (nicht zufällige) Wirkungen haben müssen.
Um seine Überzeugung zu verdeutlichen, schrieb er folgendes: „Wenn der Mond, während er seinen ewigen Weg um die Erde vollendet, mit Selbstbewusstsein begabt wäre, wäre er fest davon überzeugt, dass er seinen Weg aus eigenem Antrieb zurücklegt.“
Dreht sich die Wissenschaft im Kreis?
Dennoch scheint es so als würde trotz der ganzen Argumente, welche für die These des Superdeterminismus sprechen, etwas fehlen. Es ist fast so, als würde sich die Wissenschaft bei diesem Thema im Kreis drehen: Die Welt ist deterministisch, daher muss die Quantenmechanik deterministisch sein.
Weiter spezifiziert der Superdeterminismus nicht, was genau die verborgenen Variablen der Quantenmechanik sind. Er besagt lediglich, dass sie existieren und Einfluss auf jede Entscheidung haben, die jemals getroffen wurde oder noch getroffen wird.
Quantenphysik vs. Psychologie: Gibt es einen freien Willen?
Man könnte hier von zwei Extremen sprechen: Auf der einen Seite die Quantenphysik, die besagt, dass es keinen freien Willen gibt und alles von der Physik determiniert sei. Andererseits gibt es da noch die Psychologie, welche auf Faktoren wie Wertesystemen und dem menschlichen Verlangen aufbaut. Diese lassen sich nicht auf die Physik herunterbrechen und von ihr erklären.
Hossenfelder ist dennoch der Meinung, dass psychologische Begründungen die physikalischen Gesetze nicht ausschließen. „Everything is physics. You are made of particles“, sagt die schlussendlich. Sie symbolisiert das eine Ende des Spektrums: Eine Welt ohne Determinismus ergibt für sie keinen Sinn. Das andere Ende bildet die Psychologie, welche auf dem Konzept des freien Willen aufbaut.
Einige Forscher:innen widersprechen Hossenfelder: Die Mathematiker Conway und Kochen beschreiben in einem Artikel 2009 ein mathematisches Argument, welches dem John Bell Theorem ähnelt. Dieses besagt, dass der Mensch über einen freien Willen befugt, weil Partikel an sich einen freien Willen besitzen.
Ein Grund für die Meinungsverschiedenheiten in der Quantenphysik in Bezug auf den freien Willen ist die Kluft zwischen physikalischen Theorien über das Bewusstsein und dem Bewusstsein an sich. Die Physik als Wissenschaft beobachtet Veränderungen und bezieht sich auf Messungen – Sachen wie Liebe, Angst, Hass, Gerechtigkeit, Schönheit, Moral, Bedeutung können somit nicht von ihr erfasst werden.
Betrachtet man diese Sachen aus Sicht der Physik, könnte man sie als logisch inkohärenten Unsinn bezeichnen. Dennoch spielen diese Faktoren wie Liebe und Hass eine bedeutende Rolle in unserer Gesellschaft. Sie formen unsere Welt.
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