Die Coronakrise hat einige Schwachstellen aufgezeigt: Die wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen Staaten, die begrenzten Kapazitäten des Gesundheitssystems und die schnelle Überforderung vieler Länder in Katastrophenfällen. Besonders offenkundig wurde, dass systemerhaltende Jobs in Bereichen wie z.B. im Handel und in der Pflege massiv unterbezahlt sind. Frauen sind hiervon besonders betroffen. Sie fordern jetzt Gleichberechtigung statt Blumen.
Als Dank dafür, dass sich Verkäuferinnen wochenlang dem Infektionsrisiko aussetzen mussten und Krankenschwestern bzw. Pflegerinnen täglich ihr körperliches und seelisches Limit erreichen, erhalten sie einen Blumenstrauß. Das System würde ohne besagte Personen zwar einstürzen, eine entsprechende Lohnerhöhung hält dennoch niemand für erforderlich. Reine Symbolpolitik, welche nicht einmal vor COVID-19 Halt macht.

Mit einem Strauß Blumen oder einer Schachtel Pralinen kann eine alleinerziehende Mutter jedoch weder ihre Kinder ernähren, noch die monatliche Miete bezahlen. Ein paar Blümchen kompensieren auch nicht die Altersarmut der Pensionistin oder sexistische Übergriffe am Arbeitsplatz. Eine Pflegerin, welche jeden Tag hundert Kilo schwere Patienten trägt, wird dadurch nicht weniger an Rückenschmerzen leiden.
Die Lage in Österreich
Österreich ist wahnsinnig modern und fortschrittlich – würden viele meinen. Dass Österreich gleich nach Deutschland zu den Spitzenreitern in puncto Gender Pay Gap gehört, wird dabei gerne übersehen. Was wollen Frauen denn noch? Immerhin dürfen wir mittlerweile arbeiten und Kinder haben. Beides gleichzeitig. Vor 60 Jahren wäre das schließlich noch unvorstellbar gewesen.
Eine beruflich erfolgreiche Frau konnte demnach nur eine Rabenmutter sein. Eine Frau, die sich verwirklicht, sei egozentrisch und kein Vorbild. Stimmt, wer will schon eine selbstbestimmte Mutter? Frauen, die ihre Karenzzeit gleichberechtigt mit ihrem Partner aufteilen, seien in der Partnerschaft dominant und herrisch. Welcher wirklich richtige Mann würde schon seinen gut bezahlten Arbeitsplatz gegen dreckige Windeln und Babykotze eintauschen? Das ist Frauensache. Und dafür gibt’s ja einen Muttertag. Wieder Blumen!
Der Gender Pay Gap – oder auch Gender Wage Gap – ist keine Erfindung verbitterter „Feminazis“, sondern bittere Realität. Die Einkommenslücke beschreibt den Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Brutto-Gehalt von Frauen und Männern. Der unbereinigte Gender Pay Gap schließt den durchschnittlichen Bruttoverdienst von Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten mit ein, während der bereinigte den Gehaltsunterschied von Frauen und Männern bei vergleichbarer Tätigkeit aufzeigt.
Auch wenn letzterer natürlich geringer ausfällt, resultieren Lohnunterschiede bereits durch Defizite im staatlichen und gesellschaftlichen System. Die wenigsten Frauen arbeiten Teilzeit, weil sie keine Lust auf Arbeit hätten. Kinderbetreuung kostet Geld, vor allem wenn diese 40 Stunden pro Woche erforderlich ist. Junge Mütter verpassen oftmals die Gelegenheit, sich ihrer Ausbildung zu widmen und dadurch auch die Chance des beruflichen und finanziellen Aufstiegs.
Aktuelle Daten (Stand: 31.3.2020) des Bundeskanzleramts zeigen, dass der Gender Pay Gap kein Mythos ist. Österreich liegt fast 10 Prozent über dem EU-weiten Schnitt. Fortschritt? Fehlanzeige.

Im Nachbarland Deutschland verdienen Frauen etwa 21% weniger als Männer. Dieser Schnitt bleibt seit 2002 sogar relativ konstant und soll bis 2030 auf 10% gesenkt werden. (Quelle: Statistisches Bundesamt, www.destatis.de) Die Gehaltsschere besteht also seit fast zwei Jahrzehnten und soll in 10 Jahren auf die Hälfte sinken. Das bedeutet, dass Millenials davon noch genauso betroffen sein könnten wie Pensionistinnen. Ich hoffe, als Entschädigung gibt’s zumindest Blumen!
#stattblumen – eine Initiative für Gleichberechtigung
In Deutschland hat sich anlässlich der Coronakrise eine Initiative gegen die finanzielle Ungleichbehandlung etabliert. Der Appell richtet sich an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und zahlreiche Ministerien, welchen in dieser Angelegenheit Verantwortung zukommt. „Wir wollen keine Blumen. Wir wollen gleiche Rechte.“ lautet das Motto. Gefordert werden faire Gehälter, eine gerechte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit, Gewaltschutz und ein Mitspracherecht in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, wozu vor allem die Repräsentation von Frauen als Expert*innen zählt.
Der Appell kann unter www.gleichberechtigung-statt-blumen.de unterzeichnet werden. Auf Instagram wird auf die Thematik mit #stattblumen aufmerksam gemacht. Eine ähnliche Initiative wäre in Österreich wünschenswert und vor allem in diesen Zeiten absolut erforderlich.
Titelbild Credits: Shutterstock
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