Mit ihrem Essay Trotz legt Skandalautorin Ronja von Rönne einen von der Kritik zu Unrecht verrissenen philosophischen Versuch vor, der, wenn man es vorurteilsfrei betrachtet, recht lustig zu lesen ist. Selten war Philosophieren so heiter wie hier.
Ronja von Rönne und der schnelle Aufstieg ins Rampenlicht
Ronja von Rönne ist der lebende Beweis dafür, dass man es sich mit einer ganzen Institution unwiederbringlich verscherzen kann. Seit ihrem kontroversen Artikel ist sie im linken Kosmos ziemlich unten durch. Eine Welt, zu dem auch der Literaturbetrieb zählt. Was war passiert?
Wir schreiben den Februar 2015. Ronja von Rönne nimmt unverhofft ihre Tätigkeit als Journalistin für die Tageszeitung Die Welt auf. Sie soll dabei die Stimme einer ganzen (jungen) Generation verkörpern oder so was. Im Rahmen eines von der Welt-Redaktion angekündigten Debattenschwerpunkts mit dem Titel „Brauchen wir den Feminismus überhaupt noch?“ veröffentlichte sie Anfang April 2015 den kontrovers diskutierten Artikel „Warum mich der Feminismus anekelt„.
Allein schon der Titel ist plump-provokativ. Dass hier eine Chefredaktion, anstatt eine unerfahrene Redakteurin zu schützen, den Artikel so überhaupt freigibt, zeugt natürlich auch von einem plumpen, aber natürlich extrem erfolgreichen Versuch, Aufmerksamkeit zu generieren. Was der Welt dann auch gelungen ist. Natürlich auf Kosten eines Menschen, der als Kanonenfutter für Aufmerksamkeit instrumentalisiert worden ist, aber das ist eine andere Geschichte. Oder eigentlich dieselbe, denn seit damals tut sich Ronja von Rönne schwer, anerkannt zu werden.
Ronja von Rönne und die Unverzeihlichkeit von Links
Ronja von Rönne wurde nach diesem Skandal natürlich berühmt – wenn man in dieser kleinen Szene von so etwas wie Ruhm überhaupt sprechen darf. Aber finanziell ging es ihr recht gut danach, wie sie selbst schreibt. Und für einen Auftritt im Musikvideo zur Wanda Single Bussi Baby hat es auch gereicht.
Doch Ruhm ist nicht immer sauber. Sie wurde zwar zum Bachmannpreis eingeladen, wo ihr Text bzw. sie selbst jedoch von der Kritik vernichtet worden ist. Auch ihr erster Roman kommt alles andere als gut weg. Obwohl man sagen muss, dass es sich dabei um eine, zwar phasenweise langatmige, aber alles in allem durchaus gelungene Dorf-Coming of Age-Geschichte handelt.
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Der Trotz der Ronja von Rönne
In ihrem neuesten Werk nimmt sich von Rönne plötzlich der Essayistik an und begibt sich wieder einmal auf ganz dünnes Eis. In ihrem Essay Trotz bemüht sich die Jungautorin, die rebellische Emotion des Trotzes als gesellschaftliche Triebkraft zu deuten, aber auch als privaten Faktor darzustellen.
Das Christentum, die Aufklärung, Martin Luther, die Rassenunruhen und LGBTQ+-Proteste. In Ronja von Rönnes Trotz lässt sich jedes gesellschaftliche Ereignis auf die Emotion Trotz zurückführen. Und in der Tat sind es gerade diese heiter und lustigen Neuinterpretationen uns allen bekannter Umbrüche, die einen schmunzeln lassen.
Trotz als Triebkraft von Veränderung
Aber warum auch nicht? Warum soll nicht Trotz eine stärkere Triebkraft sein als so etwas wie politisches Bewusstsein. Es scheint nachvollziehbar. Die Menschen ändern erst etwas in ihrem Leben, wenn sie die Schnauze voll haben und nicht, weil sie auf einer intellektuellen Ebene mithilfe der Reflexion zu einer Erkenntnis gelangt sind. Was wir bei Ronja von Rönne nachlesen können, ist eine recht unterhaltsame Umdeutung gängiger Annahmen.
Der Mensch denkt nach und mithilfe der Reflexion gelangt er zur Erkenntnis und ändert die Situation. Theoretisch durchaus möglich. Aber praktisch auch wahrscheinlich? Wie Slavoj Žižek schafft von Rönne es gut, einen neuen Blick auf ein bestimmtes Phänomen zu werfen. Natürlich ist Ronja von Rönne weit davon entfernt, Slavoj Žižek zu sein. Das ist vollkommen klar! Doch nur ein größenwahnsinniger Mensch würde 1.) von Rönne mit Žižek vergleichen – ok, das haben wir gerade getan – und 2.) würde von ihr dieselben intellektuellen Kunststücke erwarten. Das scheint aber genau der Fehler zu sein, den viele Kritiker*innen machen.
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Slavoj Žižek, Ronja von Rönne und ein Fazit
Sein erstes bahnbrechendes Werk veröffentlichte Žižek im Jahre 1989 (The Sublime Object of Ideology). Damals war er genau 40 Jahre alt. Gute Philosophie ist wie gute Literatur und braucht Zeit. Anstatt bei von Rönne ihre Entwicklung anzuerkennen, legt man die Latte ziemlich hoch, nur um sie dann scheitern sehen zu können, so scheint es.
Es ist vollkommen klar, dass man den Trotz in jedes Phänomen hineinlesen kann. In Schwurbler*innen genauso wie in Protestierende der guten Sache. Doch das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, den Trotz als Phänomen zu erkennen und am Bildschirm zu haben, wenn man als Mensch eine Entscheidung trifft. Mache ich das aus Trotz? Ist es gut gerade jetzt trotzig zu sein oder einfach nur infantil? Ronja von Rönne gelingt es einen „neuen“ Begriff in den Diskurs einzuführen, einen vielleicht unterschätzen Begriff, den man auf dem Schirm haben sollte.
Ist sie eine geniale Philosophin? Nein. Doch den Denkanstoß, den sie mit Trotz liefert, ist durchaus wichtig. Und auch ihr Leben selbst auf bestimmte Trotzmomente hin neu aufzustellen ist ein recht mutiger Schritt, weil man sich so auch der Lächerlich preisgibt — man hat also aus Trotz gehandelt und nicht aus einer intellektuellen Regung heraus. Ronja von Rönnes Essay Trotz kommt in der Form von Alltäglichkeit daher. Dennoch ist von Rönne eine gute Autorin, die es schafft, den Zeitgeist vorzüglich einzufangen. Was sind die Menschen nicht am meisten, wenn trotzig? Und darüber kann man nur selten wo so gekonnt unterhalten werden, wie in Ronja von Rönnes neuem Essay.
Titelbild © Shutterstock
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