Österreich hat das zweitteuerste Bildungssystem in ganz Europa. Nach jedem PISA-Test dümpelt das Land dennoch durch einen Sumpf der Durchschnittlichkeit zum nächsten. Hier erfährst du, wo genau und wie sinnlos das Geld für Bildung aus dem Fenster geworfen wird.
Schlechte Bildung und das liebe Geld
Jährlich werden in der EU mehr als 600 Milliarden Euro für Bildung ausgegeben. Natürlich sind diese Ausgaben ungleichmäßig verteilt und die Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten dementsprechend groß.
Nach Luxemburg haut Österreich jedoch am meisten Geld für Bildung raus. Leider mit einem nicht zufriedenstellenden Output: Die Pisa-Ergebnisse werden immer schlechter. Obwohl massenhaft Kohle fließt.
Sinnlos verbranntes Budget für sinnbefreite Lesefähigkeiten
Doch nicht nur das. Im österreichischen Alltag können mehr als 30 Prozent der 15-Jährigen nicht sinnerfassend lesen. 600.000 Österreicher*innen gelten dabei sogar als „funktionale Analphabeten“. Das bedeutet, sie kennen zwar die Buchstaben – zumindest das –, können Wörter aber nicht korrekt schreiben und so gut wie gar nicht lesen. 1,1 Millionen erwachsene (!) Österreicher*innen können einfache Zeitungstexte nicht mehr verstehen. Trotz Milliarden-schwerem Budget. Wie ist das Möglich?
In einem Interview mit der Kleinen Zeitung offenbart Bildungsexperte Andreas Salcher, was genau die Problemstellen des österreichischen Bildungssystems sind. Und wofür unnötig Geld verbrannt wird.
Die Kostentreiber des Bildungssystems in Österreich
1. Kleinschulen am Land
Erster Kostentreiber sind die 1500 Kleinst- und Kleinschulen am Land. Hier wird das Thema Bildung sehr oft von der Lokalpolitik missbraucht. Aus der Sicht der Bürgermeister*innen macht das natürlich auch Sinn – Schüler*innen bringen der Gemeinde natürlich ein fetteres Budget. Genauso wie eine höhere Zahl an Einwohner*innen #Bodenversiegeldung. Doch auf der anderen Seite sind Schulen mit wenigen und sehr kleinen Klassen leider sehr, sehr teuer.
Die Lösung liegt natürlich in der Zusammenlegung. Es wäre auch schon hilfreich, wenn all diese Schulen regional gemeinsam geführt werden würden.
2. Lehrer*innen: viel Freizeit für viel Kohle
Der zweite Kostenfaktor ist – tada! – das Lehrerarbeitsrecht. Lehrer und Lehrerinnen haben 14 Wochen unterrichtsfreie Zeit (aka Urlaub!) – die natürlich bezahlt wird. Und trotzdem, ärgert sich Salcher, „schreiben die Lehrer über 300 Millionen Euro Überstunden“.
Hier bedarf es einer Regelung der Arbeitszeit sowie ein echtes Jahresarbeitsmodell. Wieso Lehrende auf 14 freie Wochen im Jahr kommen und andere „normal“ Arbeitende auf nur 5 Wochen ist dabei ein anderes Thema. Dazu gibt es für die Lehrenden noch die „schulautonomen freien Tagen“, wo es im Grunde nur darum geht, die „unterrichtsfreie Zeit zu maximieren„, so der Bildungsexperte weiter.
3. Aufgeblähte Ministerien
Der dritte Kostentreiber ist, laut Andreas Salcher, das „aufgeblähte Ministerium“ mit seinen neun Landesschulverwaltungen. Stattdessen empfiehlt er ein kleines, aber starkes Ministerium. Darüber hinaus sollten die Schuldirektor*innen selbst über ihre Lehrenden entscheiden können und welche Schwerpunkte sie an ihrem Standort unterrichten wollen. Im Gegenzug für diese Freiheit sollen sie dafür dann aber auch an den Ergebnissen gemessen werden.
Bildungssystem Österreich: ein einziger Fail?
Wenn man dem Bildungsexperten Salcher genauer zuhört, dann wird schnell klar, dass das Bildungssystem in Österreich ein einziger Fail ist. Ein survival of the fittest, in dem Eltern, die es sich eben leisten können, in die Bildung ihrer Kinder investieren, während alle anderen, die dafür eben nicht das passende Budget haben, auf der Strecke bleiben.
Die Elementarpädagogik mit ihren zu großen Gruppen und ihren unterbezahlten Pädagogen und Pädagoginnen. Das fehlende Angebot an flächendeckenden und leistbaren Ganztagesschulen. Aber auch die fehlenden Deutschkenntnisse der Kinder und Jugendlichen. Für diese fordert Salcher eine verpflichtende Sommerschule, um die Sprachfähigkeiten zu stärken.
Auch verpflichtende Elternkurse sind für den Bildungsexperten ein Thema, wie sie auch der Soziologe Klaus Hurrelmann fordert. Wie beim Eltern-Kind-Pass, wo es um die Gesundheit geht, sollte auch „die Auszahlung von Sozialförderungen an die Mitwirkung in Bildungs- und Schulfragen geknüpft werden“. Man sieht, dass es an allen Ecken und Enden fehlt und sich daran nicht wirklich etwas ändern wird, denn auch im diesjährigen Wahlkampf spielt das Thema Bildung leider wieder einmal keine Rolle.
Titelbild © Shutterstock
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