Hinter der Fassade so manch eines Wiener Gründerzeithauses geht es wirklich unschön zu. Bewohner mit alten Mietverträgen werden von Eigentümern auf verschiedene Arten so lange schikaniert, bis sie sich dazu bewegen lassen auszuziehen. Doch eine Frau bleibt standhaft und gibt nicht auf.
Es ist eines dieser Häuser, bei denen man sich als Normalsterblicher sicher ist, sich darin nie im Leben eine Wohnung leisten zu können. Von außen sieht es wahnsinnig nobel aus – wir haben uns auch nichts anderes direkt neben dem Rathaus erwartet. Mit einer eher oberflächlichen Recherche bezüglich dieser Immobilie machen wir uns auf, mit der angeblich letzten Bewohnerin des Hauses zu sprechen. Ob sie daheim ist, wissen wir nicht, aber auch ein Blick in das fast verlassene Haus reizt uns.
Das verlassene Haus am Rathausplatz
Als wir dort ankommen, sehen wir uns erstmal um – beeindruckend, aber vollkommen leer. Das schier endlos lange Stiegenhaus traben wir schnaufend nach oben, auf der Suche nach der einzigen bewohnten Wohnung. Auf dem Weg stehen zum Teil die Türen offen. Wir gehen hinein. Kartons am Boden. Hier und da eine Weinflasche. Es wirkt, als würden hier Obdachlose nächtigen. Die Treppen weiter hinauf liegen an der Seite Kondome – sehr gustiös.
Die Liste der Schikanen ist endlos lange. Das Wasser abstellen, das Haus für jeden zugänglich machen, andere Wohnungen und Fenster offen lassen, beängstigende Bewohner in das Haus zu holen – wie es seinerzeit auch bei dem als Pizzeria Anarchia bekannten, besetzten Haus passiert war – und diverse „Instandhaltungsarbeiten“, die dazu führen, dass Regenwasser und Kälte in das Haus dringen. Diesen zu trotzen, zeugt von einem wahnsinnigen Überzeugungswillen und erfordert viel Durchhaltevermögen. Es ist nicht das erste Mal, dass solche Methoden angewendet werden. Das Traurige – nicht selten führen sie zum Erfolg.
Ein kurzes Gespräch
Beinahe am Dachboden angekommen, entdecken wir durch ein Fenster ein Licht – das muss sie sein. Etwas unüberlegt klopfen wir einfach an, ohne daran zu denken, dass die Dame vermutlich schon durch die vielen Besuche diverser Angebotsüberbringer eingeschüchtert ist. Gerade als wir wieder gehen wollen, ertönt ein „Ja?“ aus der Wohnung. Wir geben uns zu erkennen. Als sie die Türe öffnet, offenbart sich ein vollkommen paradoxes Bild. Das heruntergekommene Stiegenhaus lässt keineswegs solch eine Wohnung erwarten. Und auch die Dame – sehr schick gekleidet und in ihrem Verhalten äußerst vornehm.
Die Dame ist sehr misstrauisch und ihre Antworten sehr kurz. Wir schildern unser Anliegen. Inhaltlich gibt sie nicht sehr viel Preis, doch wer zwischen den Zeilen liest, weiß was hier passiert. „Ja, leider bin ich hier die letzte Bewohnerin.“ – einer der Sätze, die im Tonfall und den Worten zu erkennen gibt, dass sie schon einiges durchmachen musste. Nach ungefähr fünf Minuten bittet sie uns zu gehen. „Wenn Sie etwas brauchen, setzen Sie mit der Hausverwaltung in Verbindung. Einen Aushang finden Sie im Stiegenhaus. Die kann Ihnen alles erzählen.“ Klar – wahrscheinlich denkt sie, dass ein medialer Aufschrei nur noch mehr Probleme bringen würde. Sie dürfte über 70 sein. Da hat man schon einiges erlebt. Wir respektieren ihre Bitte und suchen nach dem Zettel mit der Hausverwaltung – nichts da!

Auf der Homepage einer Immobilienfirma namens „Invictum Immobilien“ finden wir das Haus – verkauft. Das könnte der Grund sein, weshalb derzeit keine Hausverwaltung für diese Immobilie zuständig ist. Genau in Erfahrung bringen konnten wir es nicht, weil auf eine Anfrage per Mail keine Antwort folgte. Das war auch nicht anders zu erwarten.
Das übliche Spiel
Immobilienfirmen versuchen, alte Häuser restlos leer zu bekommen, wie auch in diesem Fall. Die wenig lukrativen Mietverträge sollen gekündigt und durch neu renovierte und gewinnbringende Wohnungen ersetzt werden – das immer zum Leid der ehemaligen Mieter. Manche von ihnen kämpfen bis zum bitteren Ende, andere geben einfach auf. Im Falle der Pizzeria Anarchia musste sogar ein massives – in unseren Augen vollkommen übertriebenes – Polizeiaufgebot antreten, was fast schon absurd ist, wenn man daran denkt, dass die vermeintlichen Besetzer einst von zwei Männern der Castella GmbH dort gezielt angesiedelt wurden.
Hier ist aber eine alte Frau wieder einmal ganz auf sich alleine gestellt und Ungerechtigkeiten ausgesetzt. Da es uns bewusst ist, dass unsere Reichweite nicht reicht, um dieser Geschichte – einer weiteren im ewigen Kreislauf der Immbobilienhaie – die nötige Aufmerksamkeit zu geben, geben wir diese Geschichte an andere Medien weiter und hoffen natürlich auch darauf, dass ihr sie teilt.
Diesen Beitrag verfassten Tina Kainrath und Fabian Petschnig
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