Der Psychiater, Politiker und Schriftsteller Frantz Fanon gilt als Vordenker der Entkolonialisierung. Seine Hauptwerke Schwarze Haut, weiße Masken und Die Verdammten dieser Erde sind geisteswissenschaftliche Standardliteratur. Nun hat der März Verlag ein Band herausgebracht, welches die textlich aktivste Periode des Schaffens von Frantz Fanon abdecket. Lesenswert für alle, die rassistische Blicke auf die Welt entlarven wollen.
Wer war Frantz Fanon?
Frantz Fanon wurde 1925 auf der Insel Martinique geboren. Wir erinnern uns: Martinique war bis zum 19. März 1946 eine französische Kolonie, danach ein Département d’outre-mer (Übersee-Département). Was die Lage für die schwarze Bevölkerung – darunter auch Fanon – nicht wirklich verbessert hat. Die schwarzen Bewohner*innen galten zwar formal als Franzosen und Französinnen. Wurden jedoch von den weißen Siedler*innen als Bürger*innen zweiter Klasse behandelt. Wie man es eigentlich von allen Kolonien her kennt.
Frantz Fanon hatte in diesem Unglück aber auch das Glück, in eine bildungsbeflissene Familie hineingeboren zu werden. Schon früh hatte Fanon begriffen, dass die damaligen und später ehemaligen Kolonialherren einen „verfälschten Lauf der Geschichte erzählen“. Angesichts der Denkmäler und Gedenktage, fragte er sich, warum eigentlich nie an die nicht wenigen Revolten der Schwarzen erinnert wurde. Rassistische Entfremdung in ihrer hässlichsten Form.
Frantz Fanon: engagiertes Kanonenfutter
Politisch immer schon aktiv und mit ausgeprägtem Bewusstsein für Gerechtigkeit, wollte Fanon schon mit 17 Jahren gegen das Vichy-Regime kämpfen, wurde als Freiwilliger jedoch abgelehnt. 1944 ließ sich sein Wunsch dann dennoch erfüllen und er durfte sich dem Widerstand anschließen.
Im Ausbildungslager folgte dann die traurige Überraschung. Obwohl alle für ein und dieselbe Sache kämpften, erlebte Fanon die nicht ganz so feinen Unterschiede zwischen den Kämpfenden in Form eines ausgeprägten und alltäglichen Rassismus. Dieser ließ sich sogar in vier Klassen einordnen: Die Kämpfer aus dem Senegal waren die Vertreter der vierten Klasse, die nordafrikanisch-arabischen Soldaten zählten zu der dritten Klassen. Die Soldaten aus den antillanischen Kolonien gehörten immerhin zu der zweiten Klasse, da sie formelle Franzosen und auch Christen waren. Alle diese Unterklassen schickte man in den Kämpfen als sogenanntes Kanonenfutter vor. So wurde auch Frantz Fanon verwundet.
Psychiater, Politiker, Schriftsteller
Nach dem Krieg kehrte Frantz Fanon nach Martinique zurück, wo er den Schulabschluss nachholte, um dann in Lyon Medizin und Philosophie zu studieren. Es werden zum Schluss diese drei Dinge sein: seine persönliche Erfahrung, sein medizinisches Wissen und seine Kenntnisse der Philosophie, die in zum Vordenker der Post Colonial Studies und zu einem engagierten Denker des Antikolonialismus machen werden.
Zeit seines Lebens war er Leiter psychiatrischer Abteilungen, arbeitete für die nationale Befreiungsfront in Algerien und war sogar zeitweise Botschafter der provisorischen algerischen Regierung (GPRA) in Accra. Er starb 1961 an Leukämie, die Veröffentlichung seines Hauptwerkes Die Verdammten dieser Erde, heute eine Art Manifest, konnte er leider nicht mehr miterleben.
Neben dem erwähnten Die Verdammten dieser Erde ist Fanon vor allem für sein Werk Schwarze Haut, weiße Masken bekannt. Darin kritisiert er Rassismen und koloniale Unterdrückung, wobei er einer der ersten gewesen ist, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzten und war seiner Zeit somit weit voraus.
Mithilfe der Psychoanalyse Lacans und Jean-Paul Sartres Phänomenologie des Blicks, fragt er nach der Subjektkonstruktion der Kolonialisierten, welche in einer entfremdeten Selbstwahrnehmung mündet. Sein Werk ist ein Ergebnis politischer sowie psychiatrischer Praxis, gespickt mit Denkansätzen, die auch heute noch Antworten geben können. Wie das genau aussieht, davon überzeugt man sich am besten selbst.
Frantz Fanon – für eine afrikanische Revolution
Die beiden Hauptwerke – heute Schlüsselwerke der Post Colonial Studies – sind recht bekannt. Die politischen Texte von Frantz Fanon, die quasi Grundsteine, auf denen das Hauptwerk erbaut worden ist, eher weniger. Um in dieses Chaos etwas Ordnung zu bringen, hat der März Verlag nun ein Band herausgebracht, welches die textlich aktivste Periode des Schaffens von Frantz Fanon abzudecken versucht.
In chronologischer Reihenfolge zusammengefasst, stellen diese Texte eine einzigartige und lebendige Einheit dar. In Form von Etappen liest man sich durch das Denkgerüst eines der unterschätztesten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Man wird Zeuge und Zeugin eines Kampfes, der sich denkerisch immer weiter ausdehnt. So dienen die Texte als eine Art Leitfaden durch Leben und Werk Fanons. Und es ist eines der seltenen Werke, wo man wirklich beobachten kann, wie jemand sein Denken weiter entwickelt und intellektuell heranreift und wächst.
Frantz Fanon und das nordafrikanische Syndrom
Schon im ersten Aufsatz „Das nordafrikanische Syndrom“ gelingt Fanon das Kunststück bzw. macht er eine Beobachtung, die, man muss es so sagen, sogar die medizinischen Befunde eines Rassismus und der puren Konstruktion überführen. So wird der „Schmerz des Nordafrikaners, für den wir keinen (westlichen) Krankheitsgrund feststellen können als irreal beurteilt. Betritt ein Nordafrikaner den Raum, wird sein ganzes Verhalten, vor dem Hintergrund, dem a priori des Simulantentums interpretiert.“ Dass Vorurteile und Rassismus nicht einmal vor oder in den Krankenhäusern haltmachen und dass genau da, wo man sich am objektivsten und wissenschaftlichsten dünkt, der rassistische Teufel am unsichtbarsten sein Unwesen treibt, ja, das kann man sagen, hat uns Frantz Fanon gelehrt.
Frantz Fanons Textsammlung Für eine afrikanische Revolution ist lesenswert für alle. Denn mit geschärften soziologischen Blick und dem Wissen aus Medizin und Philosophie wird uns Fanon mit einer Erkenntnis zurücklassen, die für viele schwer zu verdauen sein wird. Als Vordenker von FLINTA* und Co hat Frantz Fanon allein mit seiner neuen Art zu denken, so etwas wie eine kleine Revolution herbeigeführt. Es ist extrem spannend, einem solchen Denker, bei seiner Arbeit — seinem Denken — zusehen zu dürfen.
Titelbild © Shutterstock
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