Gefährliche Mängel: Arzneimittelproduktion nahezu komplett in Asien
Der Zusammenbruch der ansonsten selbstverständlich ablaufenden Lieferketten zu Corona-Zeiten hat uns den Spiegel vorgehalten: Unsere fatale Abhängigkeit von (EU-)fremden Produktionsstätten. Was tun?
Die Corona-Lektion
Was unsere (europäische) Abhängigkeit durch die Globalisierung konkret bedeutet, haben wir am Anfang der Corona-Pandemie lernen müssen – auf die harte Tour. Mund-Nasenschutz-Masken? Fehlanzeige! Wieso? Diese wurden leider nur noch in China produziert. Wegen Covid-19 kamen Anfang des Jahres jedoch keine Cargo-Schiffe mehr bei uns an. Zudem brauchte man die Masken dort selbst. Zum Glück werden MNS-Masken mittlerweile auch hierzulande produziert. Sogar ganz Lokal und homemade in Vienna. Die Abhängigkeit von medizinischen Wirkstoffen, die nur noch in Indien oder China hergestellt werden, ist jedoch geblieben.
Mangelware Medizin
Unsere Abhängigkeit von Produktionsstätten in (EU-)fremden Ländern ist so groß wie noch nie. Vor allem in der Arzneimittelproduktion. »Die Chinesen brauchen gar keine Atombombe. Sie liefern einfach keine Antibiotika […], dann erledigt sich Europa von ganz allein.«, prophezeit die Pharmazieprofessorin Dr. Ulrike Holzgrabe von der Uni Würzburg dystopisch und beklagt die Lieferabhängigkeiten im weltweiten Pharmamarkt. WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und MarktbeobachterInnen sind sich diesbezüglich einig. Sie alle befürchten, dass sich das Problem durch die Covid-19-Pandemie noch drastisch verschlechtern könnte.
Prof. Dr. Ulrike Holzgrabe (Chairperson)
Outsourcing Pharmazie bedeutet, dass China/Asien nicht einmal eine Atombombe auf Europa werfen muss, um uns zu schädigen, sondern einfach nur Lieferungen von Antibiotika verweigern können. Dauert länger, ist aber genau so effektiv.
1x— FrydeWelt (@FrydeWelt) March 16, 2020
Made in China
Viele wichtige Wirkstoffe (u.a. Antibiotika) werden vornehmlich in Asien produziert – Indien und China. Jedoch vor allem in China. Eine recht radikale Entwicklung, wenn man bedenkt, dass noch in den 90er-Jahren (des letzten Jahrhunderts) 80 % aller Wirkstoffe und Hilfsstoffe in Europa selbst oder in den USA produziert wurden. Doch heutzutage werden nahezu alle Ausgangsstoffe zur Herstellung von Arzneimittel in China und Indien hergestellt. „Dies gilt nicht nur für die einzelnen Stoffe, sondern auch für Zwischenprodukte bis hin zu Fertigprodukten.“, bestätigt Drin Holzgrabe und verdeutlicht auch die Problematik dieser Monopolisierung.
Der Grund für diese Entwicklung ist, der reinen Marktlogik folgend, recht nachvollziehbar: die Produktion ist in Asien wesentlich billiger! Auch die Lohn- und Lohnnebenkosten sind dort extrem niedrig. Die Umweltstandards und –Reglementierungen natürlich auch. Mit diesen nahezu uneingeschränkten Rahmenbedingungen für die Produktion kann Europa mit seinen Gesetzen und rechtlichen Auflagen nur schwer konkurrieren.
Sich den menschenunwürdigen Standards in Asien anzupassen, wäre ein fatales und geradezu idiotisches Unterfangen! Dort kümmert es z.B. keinen, wo die Abwässer eines Betriebes so landen und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Menschen arbeiten müssen. Da China auch noch große Massen für den Weltmarkt (und nicht nur für den nationalen Markt) produziert, wird die Produktion noch einmal viel billiger (Skaleneffekt!). Und seit „Betriebswirte die Pharmaindustrie beherrschen und nicht mehr qualitätsbewusste Apotheker, zählt ohnehin nur noch der Preis.“, so Frau Drin Holzgrabe schon 2011.
Rückstände der #Arzneiproduktion verseuchen Gewässer in Indien, China und Pakistan. Die EU-Vorschriften (GMP) decken Sozial- und Umweltschutzaspekte nicht ab, nur Qualitätsstandards.
Und selbst diese werden selten kontrolliert und oft nicht eingehalten.
https://t.co/zQH8gp6OGg— SoniaNDurau (@durau_n) November 3, 2020
Experten sind sich einig
Aufgrund dieser Umstände sind sich die ExpertInnen auf allen Ebenen einig und fordern die Produktion zurück nach Europa zu holen. Vor allem in der Arzneimittelproduktion. Der Mediziner Wolf-Dieter Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, warnt schon lange vor den Gefahren durch Abhängigkeit von wenigen Herstellern. „Die Monopolisierung führt dazu, dass sich die Herstellung der Arzneien auf ganz wenige Produktionsstätten, manchmal nur auf eine einzige Produktionsstätte konzentriert.“
Sollte dort etwas passieren, würde das natürlich zu Lieferengpässen führen. Dass es nicht unbedingt einen unvorhersehbaren Unfall braucht, sondern so ein Engpass auch als politisches oder wirtschaftliches Druckmittel, um seine u.a. geopolitischen Interessen durchzudrücken, missbraucht werden kann, soll nicht unerwähnt bleiben. Die Arzneimittelkommission fordert daher eine Rückverlagerung nach Europa, die auf mehrere Hersteller und auf mehrere Produktionsstätten verteilt ist.
»Wir sollten als Europäische Union nicht in diesem Umfang wirtschaftlich und in unseren Lieferketten abhängig sein von China.«, appellierte jüngst auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Rande eines EU-Krisengipfels zum Coronavirus.
Komplexe Problematiken
Das Problem dieser Abhängigkeit ist jedoch keine Sache, die von heute auf morgen zu lösen ist. Diese ist mindestens genauso komplex wie die Herstellung der Arzneimittel selbst und auch wieder Teil der globalisierten Wirtschaft. Die Rückkehr der Arzneimittel- und Wirkstoffproduktion nach Europa könne Jahre dauern und braucht leider (wir leben in einem kapitalistischen Zeitalter!) vor allem wirtschaftliche Anreize. Frau Drin Holzgrabe schätzt, dass so eine Rückholung der Produktion mindestens zehn Jahre dauert.
Titelbild Credits: Shutterstock
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