Was ist Super Straight als sexuelle Orientierung: transphob oder legitim?
Aktuell geht ein Trend durch das World Wide Web, der vor allem in der LGBTQ-Community für Aufregung sorgt. Mit einem Video losgetreten auf TikTok und verbreitet durch 4chan, zieht sich das Bekenntnis zur sexuellen Orientierung „Super Straight“ nun auch durch alle sozialen Medien. Die einen bezeichnen es als legitime Äußerung, sich nur für Frauen, die von Geburt an dieses Geschlecht haben, zu interessieren, andere wiederum bezeichnen es nur als Legitimation für transphobe Tendenzen.
Was ist Super Straight?
Der virale Trend begann mit einem simplen TikTok-Video des Users Kyleroyce. Darin erklärte Ersteller, dass es ihn nerve, als transphob bezeichnet zu werden.
Gegenüber insider.com gab er zu verstehen: „Als heterosexueller Mann werde ich als transphob bezeichnet, weil ich nicht mit einer Transfrau ausgehen würde. Jetzt bin ich Super Straight (Anm. d. Red.: Super Heterosexuell). Ich bin nur mit dem anderen Geschlecht verabredet, Frauen, die geborene Frauen sind. Man kann also nicht sagen, dass ich jetzt transphobisch bin, denn das ist nur meine Sexualität.“
I better not catch any of my mutuals unironically using #superstraight pic.twitter.com/fOnILNrED2
— Spike (Raffle Pinned) (@2ndartbook) March 6, 2021
Was jedoch als Einzelaussage in einem Video begann, ging durch Foren wie 4chan – das nicht selten durch Frauenhass, Sexismus, Rechtsextremismus und Rassismus auffällt – schnell viral. In gelöschten Threads drängten User darauf, den „transphobischen Trend“ zur Spaltung von LGBTQ-Personen zu verbreiten.
Dies bewerkstelligen sie, indem sie sich der argumentativen Mittel der LGBTQ-Community bedienen und so ihrerseits die „sexuelle Orientierung“ legitimieren. Mit den eigenen Waffen schlagen, so die Argumentation.
Die eigentliche Idee der Bewegung Super Straight
Laut Urban Dictionary bezieht sich der Begriff auf eine sexuelle Präferenz „des anderen Geschlechts unter Ausschluss von Transgender-Personen“. Was prinzipiell legitim ist, nachdem jeder seine Sexualpartner frei wählen kann, stellt sich dennoch die Frage der Notwendigkeit und vor allem auch nach der Art und Weise, dies zu äußern. Immerhin sind heterosexuelle (Cis-)Männer NICHT mit Diskriminierung konfrontiert wie Personen der LGBTQ-Community.
Ich finde heute Morgen keine Worte für diese ekelhafte Superstraight-Debatte. Es ist furchtbar, was trans Personen an Beleidigungen und Diskriminierung erleben. Meine Lieben trans Geschwister: ich stehe an eurer Seite ??️⚧️
— Annika Spahn (@AnnikaSpahn) March 7, 2021
Einen fragwürdigen Drive bekommt der Trend erst durch die Foren von 4chan, die als Hort rechtsextremer Trolle bekannt sind. Auf Twitter teilten kritische User Threads, die auf 4chan mittlerweile gelöscht wurden und dazu aufforderten, in die LGBTQ-Community „einen Keil zu treiben“ und „die Taktik der Linken gegen sich selbst anzuwenden, sie als Bigots (Fanatiker) zu bezeichnen, weil sie keine Super Straights akzeptieren“.
Menschen, denen die Hintergründe dieser Idee nicht bekannt sind, solidarisierten sich zum Teil mit der Idee von „Super Straight“. Jedoch kennen diese nicht die Idee des absichtlich verursachten Chaos. Außerdem fehlt ihnen häufig der Zusammenhang zu echter Diskriminierung und zum Teil auch Gewalt und körperlicher Übergriffe – dies wird in der Diskussion der Super Straight bewusst ausgepart.
Warum Super Straight die Legitimation fehlt
Wie schon erwähnt, steht es jedem frei, sich seine Sexualpartner frei zu wählen. Das ist auch ein Grundgedanke, den die LGBTQ-Community lebt. Keine Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung oder Geschlecht. Somit erscheint auch Super Straight – wie eben jene behaupten, die sich damit solidarisieren – als Teil von LGBTQ.
Dass aber gesellschaftlich für eine heterosexuelle Person niemals Ausgrenzung oder Gewalt das Resultat ihrer sexuellen Orientierung war, stellt wohl den wichtigsten Punkt der Kritik an der Bewegung „Super Straight“ dar – die absurderweise auch mit SS abgekürzt wird und somit etwas ungünstig gewählt ist.
superstraight einfach ne weitere möglichkeit für privilegierte heteros, sich als opfer darzustellen
— hexe swerve? (@tiikkabell) March 10, 2021
Sich selbst als heterosexuelle Person – wie auf Twitter mittlerweile nicht selten der Fall ist – in eine Opferrolle zu begeben, weil man „ja Ziel von Diskriminierung ist“, zieht die Bewegung LGBTQ vollkommen ins Lächerliche und spricht ihr zugleich auch die Gewalt und Diskriminierung ab, die diese Community erfahren musste und noch immer muss.
Die Bezeichnung der „transphoben Person“ lehnen Super Straight-Anhänger demnach entschlossen ab. Jedoch erklärt der User procrasclass auf TikTok, warum es aber genau das ist – nämlich transphob.
@procrasclass Reply to @rodrickcarter0 no you’re not super straight #lgbtq #trans #transgender
„Wenn eine weiße Frau sagt, dass sie mit weißen Männern ausgeht, bedeutet das, dass sie häufiger mit weißen Männern ausgeht, aber schwarze Männer sind nicht vom Tisch. Versus: „Ich werde nicht mit dir ausgehen, weil du schwarz bist“, was bedeutet, dass sie denkt, dass mit Schwarzen von Natur aus etwas nicht stimmt, auch wenn sie dies nicht bewusst glaubt. Das Gleiche gilt für das, was du (=Anhänger der Super Straight-Bewegung) sagst. „
4chan bekannt für Troll-Angriffe und Chaos
Es ist nicht das erste Mal, dass User von 4chan eine Desinformations- oder Hasskampagne starteten. Im Vorfeld der Wahlen stifteten sie beispielsweise für Verwirrung mit dem Versuch, Falschinformationen zum Wahlablauf zu verbreiten, oder auch mit dem Blockieren von Telefonleitungen. Auf Google schafften es die User, ein Hakenkreuz an die Spitze der „Hot Trends“ der Suchmaschine zu bringen.
TikTok wiederum ist dafür bekannt, dass nicht selten bedenkliche Trends viral gehen und eine Reaktion darauf häufig zu langsam erfolgt. Die Kombination dieser beiden Online-Dienste hat somit wieder einmal für einen negativen Trend gesorgt.
Titelbild Credits: Twitter
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