Der Herbst in Wien ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Gestern saßen wir noch mit Aperol im Schanigarten, heute überlegen wir ernsthaft, ob es für die Winterjacke noch zu früh ist. Die deutsche Sprache hat eigentlich für jeden noch so absurden Zustand das perfekte Wort parat – von Schadenfreude bis Weltschmerz. Aber wenn es um die ganz spezifischen mentalen Breakdowns geht, die der Übergang von Sommer zu Winter so mit sich bringt, fehlte uns bisher das Vokabular.
Das hat nun auch die höchste und eigentlich trockenste Instanz der deutschen Sprache erkannt: Der Dudenverlag höchstpersönlich hat auf Instagram einen Post mit dem Titel „5 Herbstwörter, die es geben sollte“ abgesetzt. Diese Wörter stehen zwar (noch) in keinem offiziellen Wörterbuch, aber wenn man sich den aktuellen Wiener Alltag so ansieht, wäre es dringend an der Zeit. Hier sind die fünf Begriffe, die wir ab sofort alle in unseren täglichen Sprachgebrauch aufnehmen sollten.
Die Regenschirmreue
Es ist ein klassischer Dienstag. Die Wetter-App verspricht 90 Prozent Regenwahrscheinlichkeit, der Himmel über Wien sieht aus wie eine graue Betonwand. Du bist vernünftig und nimmst den großen, sperrigen Regenschirm mit, der nicht in die Handtasche passt. Und dann? Nichts. Kein Tropfen. Du schleppst dieses nutzlose Ding den ganzen Tag als unbezahltes Accessoire durch die U-Bahn, ins Büro und zum After-Work-Drink. Die Regenschirmreue ist die bittere Erkenntnis, dass du dich vom Wetterbericht hinters Licht führen hast lassen.
Der Jackenoptimismus
Wir alle fallen jedes Jahr wieder darauf rein. Wenn um 13 Uhr die Sonne rauskommt und das Thermometer kurz an der 18-Grad-Marke kratzt, fühlst du dich unbesiegbar. Eine leichte Übergangsjacke reicht völlig aus. Doch dann verlässt du um 20 Uhr die Bar, der typische Wiener Wind pfeift durch die Gassen und es hat plötzlich kühle acht Grad. Der Jackenoptimismus bestraft dich auf dem Heimweg mit Schüttelfrost und dem festen Vorsatz, morgen endlich den dicken Mantel aus dem Keller zu holen. Spoiler: Wirst du nicht tun.
Die Dämmerungsverdutztheit
Du sitzt am Laptop, bist im Flow und schaust irgendwann aus dem Fenster. Es ist stockfinster. Die Straßenlaternen brennen, die Leute in den Wohnungen gegenüber haben die Vorhänge zugezogen. Dein Gehirn schaltet sofort in den Feierabend-Modus, schließlich muss es mindestens 21 Uhr sein. Ein Blick auf die Uhr holt dich brutal zurück in die Realität: Es ist 17 Uhr. Die Dämmerungsverdutztheit ist dieser panische Moment, in dem du realisierst, dass du ab jetzt ein halbes Jahr lang quasi in ständiger Dunkelheit leben wirst.
Die Sonnenflecksehnsucht
Sobald die Temperaturen sinken, mutieren wir alle zu Katzen. Wenn man sich nachmittags in einem Café trifft, ist plötzlich nicht mehr der Tisch mit der besten Aussicht oder der bequemsten Couch der Hauptgewinn. Nein, es geht nur noch um diesen einen, winzigen Fleck, auf den gerade noch ein direkter Sonnenstrahl fällt. Die Sonnenflecksehnsucht lässt uns völlig irrationale Entscheidungen treffen – wir rücken Sessel quer in den Weg und blenden uns gegenseitig, nur um für zehn Minuten das Gefühl von Wärme auf der Nasenspitze zu spüren.
Der Kürbisübermut
Anfang September packt er uns alle. Die Supermärkte stapeln die Hokkaido-Kürbisse meterhoch und plötzlich fühlst du dich wie eine kulinarische Gottheit. Du kaufst direkt drei Stück, fest entschlossen, in den nächsten Tagen cremige Suppen, würziges Ofengemüse, saftige Kuchen und natürlich einen selbst gemachten Pumpkin-Spice-Latte zu zaubern. Die Realität? Zwei Wochen später liegen die Kürbisse immer noch als leicht schrumpelige Deko-Objekte neben der Mikrowelle, während du zum dritten Mal in dieser Woche Pizza bestellst.
Der Herbst verlangt uns einiges ab. Aber solange wir die richtigen Worte haben, um unser kollektives Leiden zu benennen, friert und leidet es sich doch gleich viel gemütlicher. Und wer weiß: Wenn wir diese Begriffe jetzt alle konsequent im Alltag nutzen, bleibt dem Duden bald gar nichts anderes übrig, als sie wirklich offiziell abzudrucken.