Tagträume gehören für die meisten Menschen zum Alltag. Man starrt während einer Vorlesung ins Narrenkasterl oder versinkt beim Zugfahren in seinen Gedanken. Doch was passiert, wenn die Tagträume plötzlich Überhand gewinnen? Wenn die reale Welt einem immer mehr durch die Finger gleitet? Dies nennt sich maladaptives Tagträumen und wir erklären euch, was das genau ist.
1907 schrieb Sigmund Freud folgendes zur menschlichen Obsession mit Fantasien: „Können wir nicht sagen, dass sich jedes spielende Kind wie ein kreativer Schriftsteller verhält, indem es eine eigene Welt erschafft oder vielmehr die Dinge seiner Welt auf eine neue Art und Weise neu ordnet, die ihm gefällt?“
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Wenn Tagträumen zur Sucht wird
Betroffene verbringen zirka 60 Prozent ihrer Zeit im Wachzustand in einer von ihnen erschaffenen Fantasiewelt. Doch sie verlieren nie den Bezug zur realen Welt. Das heißt so viel, wie die betroffenen Personen sind sich durchaus bewusst, dass es sich um Träume und Fantasien handelt. Erst 2002 wurde dieses exzessive Träumen von Eli Somer, einem israelischen Professor für Klinische Psychologie, definiert und benannt.
Bigelsen schrieb in ihrem Artikel im „Atlantic“ folgendes: „It was as if I`d lost the remote control and the TV set in my head was running constantly, never turning off.“ (Anm. d. Red. „Es war als hätte ich die Fernbedienung verloren und der Fernseher in meinem Kopf lief ständig und schaltete sich nie aus.“)
Symptome von maladaptivem Tagträumen
Laut Somer`s Maladaptive Daydreaming Scale (MDS) gibt es fünf Hauptcharakteristika, die auf Betroffene zutreffen. Mit Hilfe von ihnen kann der Grad des maladaptiven Tagträumens gemessen werden. Diese sind wie folgt:
- Inhalt und Qualität (Detailliertheit) des Traums
- Die Fähigkeit des Individuums, die eigenen Träume und den Zwang zu Träumen zu kontrollieren
- Der Grad der Belastung, die von den Tagträumen verursacht wird
- Die vom betroffenen Individuum wahrgenommenen Vorteile des Tagträumens
- Ausmaß der Beeinträchtigung der Ausführung von täglichen Aktivitäten durch die Tagträume
Die Flucht aus der Realität
Das maladaptive Tagträumen gleicht einer Bewältigungsstrategie. Oftmals ist es eine Reaktion auf Trauma, Missbrauch und Einsamkeit. Man könnte es als eine Art des Eskapismus beschreiben, der den Betroffenen ermöglicht echte Interaktionen mit Familie und Freunde zu meiden und diese durch eigene Fantasien zu ersetzen.
Parasoziale Beziehungen können beim maladaptiven Tagträumen eine bedeutende Rolle spielen. Viele Betroffene machen das unerreichbare Objekt der Begierde zum Fokus ihrer Tagträume. Die angehimmelten unerreichbaren Personen werden mithilfe von Tagträumen zu einer Art Ersatz für echten menschlichen Kontakt.
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Interessant ist, dass maladaptives Tagträumen oftmals in Verbindung mit einer Zwangsstörung, Depressionen, Angststörungen oder einem Aufmerksamkeitsdefizit auftritt. Man könnte hier von einem Versuch des Gehirns sprechen, mithilfe von Kreativität und Vorstellungskraft mit Traumata und psychischer Belastung umzugehen.
Tagträume fangen oftmals klein an. Es handelt sich um harmlose Fantasien, die den Betroffenen Freude und Ablenkung bescheren sollen, aber mit der Zeit wird das Tagträumen zur Sucht. Wie jede Sucht, kann auch diese Leben komplett vereinnahmen und zerstören.
Eine Störung, die keine ist?
Maladaptives Träumen kann man also als eine Art Verhaltenssucht betrachten. Formell wurde es von der APA (American Psychiatric Association) noch nicht als eine Störung anerkannt. Warum maladaptives Träumen durchaus als diese betrachtet werden sollte, liegt vor allem an den negativen Auswirkungen auf das Leben der betroffenen Personen.
Das zwanghafte Träumen kann einen starken Einfluss auf das Arbeits- und Privatleben haben. Insbesondere, wenn die betroffene Person anfängt, reale menschliche Interaktionen mit den eigenen Fantasien zu ersetzen. Obwohl Betroffene auf der ganzen Welt über gleiche Symptome berichten, werden ihre Beschwerden oftmals nicht ernst genommen. Dies liegt vor allem am niedrigen Bekanntheitsgrad und der fehlenden Anerkennung der Störung. Zu den Symptomen zählen:
- Hypnotische Bewegungen während des Träumens
- Bei den Träumen beinhalten oftmals zusammenhängende Handlungsstränge und Charaktere
- Betroffene sind unfähig sich auf die reale Welt zu konzentrieren
2014 startete Cyan Reed – ein Student aus Texas – eine Petition auf „Change.org“ als Versuch, die APA dazu zu drängen, Maladaptives Tagträumen als eine Störung anzuerkennen.
Behandlung von maladaptivem Tagträumen
Da die medizinische Anerkennung dieser Störung als eine solche fehlt, wird maladaptives Tagträumen als neurologisch biochemisches Ungleichgewicht behandelt. Dies ist insofern problematisch, da es sich eigentlich um eine Art des Suchtverhaltens handelt, das durch Trauma oder einer inneren Leere hervorgerufen wird.
Experten sind der Meinung, dass eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine Gesprächstherapie helfen können. Weiters wird oftmals das Antidepressivum Fluvoxamin, welches zur Behandlung von Zwangsstörungen eingesetzt wird, verschrieben, um den Betroffenen zu helfen das Tagträumen unter Kontrolle zu bringen.
Betroffene haben oftmals Angst nicht ernst genommen zu werden, weil die Störung noch relativ unbekannt ist. Infolgedessen sind viele online Selbsthilfegruppen entstanden. Selbst diagnostizierte Betroffene können sich hier austauschen und ihre Erfahrungen teilen. Menschen, die an zwanghaften Tagträumen leiden, fühlen sich oftmals sehr isoliert. Sie haben das Gefühl „irgendetwas stimme nicht mit ihnen“. Solche Gruppen können helfen Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken und die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren.
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