Mental Health as a Brand: Wenn Therapeuten-Sprech („I don’t have the capacity for this“) zur Waffe in Freundschaften wird.
„Du, sorry, ich habe gerade absolut nicht die emotionale Kapazität, um das zu halten.“
Wer diesen Satz (oder eine seiner vielen Abwandlungen) schon mal per WhatsApp serviert bekommen hat, weiß: Das sitzt. Früher hat man Freund*innen in einer stressigen Phase einfach gesagt: „Du, ich bin gerade komplett fertig, lass uns bitte morgen quatschen.“ Heute klingt die Absage oft eher wie eine Mail aus der HR-Abteilung eines hippen Start-ups.
Willkommen im Zeitalter von Mental Health as a Brand. Therapie-Sprech (oder Therapy Speak) ist im Mainstream angekommen. Was eigentlich dazu gedacht war, Traumata zu verarbeiten und gesunde psychische Grenzen zu setzen, wird im Alltag leider immer öfter als bequemes Schutzschild genutzt, um sich unangenehme soziale Interaktionen vom Hals zu halten.
Vom Safe Space zum Schutzschild: Wenn Pop-Psychologie distanziert
Versteht uns nicht falsch: Dass wir heute offener über mentale Gesundheit reden als je zuvor, ist ein extrem wichtiger und längst überfälliger Fortschritt. Die Enttabuisierung von Therapien ist Gold wert. Aber die sozialen Medien haben das Thema eben auch zu einem Lifestyle-Produkt gemacht.
Mental Health ist für viele zu einem Teil der eigenen Identität und Selbstdarstellung geworden. Wir jonglieren in Alltagsgesprächen mit Begriffen wie Gaslighting, Boundaries, Trigger oder Emotional Labor, als hätten wir alle ein Psychologie-Studium absolviert. Das Problem dabei ist, dass diese Fachbegriffe oft zweckentfremdet werden, um ganz normale, menschliche Konflikte moralisch aufzubauschen oder sich komplett aus der Verantwortung zu ziehen.
Das Phänomen im Alltag: Jemand verhält sich in einer Freundschaft egoistisch, wird darauf angesprochen und kontert mit: „Ich schütze hier nur meine Boundaries. Du respektierst meine Grenzen nicht.“ Diskussion beendet. Wer die psychologischen Fachbegriffe strategisch besser einsetzt, gewinnt das Argument.
Die „Ich-habe-keine-Kapazität“-Kultur
Besonders schwierig wird es, wenn zwischenmenschliche Beziehungen plötzlich wie geschäftliche Verträge verhandelt werden. Wenn die beste Freundin Liebeskummer hat oder ein Kumpel eine schwere Phase durchmacht, war die Devise früher: Hinfahren, zuhören, füreinander da sein.
Heute schicken manche stattdessen vorgefertigte Textblöcke, die fast schon bürokratisch wirken:
„Ich schätze unsere Freundschaft sehr, aber ich muss aktuell meine mentale Energie schützen. Bitte frag mich nächstes Mal vorher, ob ich bereit für diesen emotionalen Ballast bin.“
Natürlich muss niemand rund um die Uhr als unbezahlter Therapeut herhalten. Selbstfürsorge ist wichtig, und man darf erschöpft sein. Aber wenn wir Freundschaften nur noch dann konsumieren, wenn sie völlig unkompliziert sind, und jede emotionale Anforderung sofort als „Übergriff auf unsere Kapazitäten“ werten, isolieren wir uns am Ende selbst. Freundschaften basieren auf Gegenseitigkeit – und dazu gehört es eben auch, sich mal die Sorgen des anderen anzuhören, wenn es brennt.
Das Paradoxon der ständigen Selbstoptimierung
Dieses Verhalten ist das Resultat einer sehr individualisierten Pop-Psychologie, die vor allem online vermittelt wird: Deine eigenen Bedürfnisse stehen über allem. Wer dir nicht zu 100 Prozent guttut, wird aussortiert.
Was auf den ersten Blick wie gesundes Empowerment aussieht, blockiert in der Realität oft die Empathie und die Fähigkeit, Konflikte gemeinsam durchzustehen. Anstatt zu lernen, mit unangenehmen Situationen umzugehen oder Kompromisse einzugehen, wird Therapie-Sprech manchmal als moralischer Freifahrtschein genutzt. Es ist die perfekte, unangreifbare Begründung: „Ich bin nicht egoistisch, ich betreibe nur Self-Care.“
Fazit: Mehr ehrliches Gefühl statt Floskeln
Vielleicht tut es unseren Beziehungen gut, wenn wir die psychologischen Fachbegriffe wieder dorthin zurückbringen, wo sie hingehören: in den therapeutischen Kontext. Eine Freundschaft ist kein Projekt, das effizient gemanagt werden muss.
Wenn man keine Kraft hat, kann man das auch ganz ohne künstliche Barrieren sagen. Ein einfaches, ehrliches: „Ich habe dich wirklich gern, aber ich bin heute so gestresst, dass ich dir gerade nicht richtig zuhören kann. Können wir bitte morgen in Ruhe telefonieren?“ reicht völlig aus.
Denn am Ende schützt der ständige Therapie-Sprech oft nicht unsere Grenzen – er baut eher Mauern auf, wo eigentlich Nähe sein sollte.
Titelbild © envato
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