Gestern fand im Admiral Kino die Vorführung des englischsprachigen Films „Urtoben – Vienna’s Illegal Artforms“ statt – unsere Autorin Sarah Roland war dabei.
Ein Fallschirm öffnet sich und schwebt von der Votivkirche über die Straße auf die Parkfläche. Szenenwechsel. In schwindelerregender Höhe balancieren Menschen auf den Kanten von Hausdächern. „(…) this is the whole spectrum (…) from the horror to the beauty of life“, sagt einer der unkenntlich gemachten Protagonisten in einem Film, der brutal ehrlich und aus neuen Höhen von Wiens Untergrund erzählt.
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Was zählt zu illegalen Kunstformen?
Begriffe wie Sprayen, Taggen oder Stickern sind vielen noch ein Begriff. Doch wer denkt beim Erklimmen von Hochhäusern, beim Fahren auf U-Bahn-Dächern oder dem Erkunden von Schächten sofort an „Art Forms“? Diese Handlungen zählen für die Protagonist:innen genauso dazu. Szenen aus U-Bahn-Schächten und Tunnel in der tiefliegenden Infrastruktur Wien und auf den Dächern der Stadt erzählen von einer Inanspruchnahme von Räumen, die der Öffentlichkeit sonst versperrt bleiben. Wer darf eigentlich wohin? Wer darf diese Räume mit Leben füllen?

Urban Exploring: Ein politischer Befreiungsakt?
Am beliebtesten sind in der Breitbandgesellschaft wohl die Erkundung von sogenannten Lost Places. Orte, an denen niemand mehr ist, aber denen man die Narben der Zeit anerkennen kann. Den Protagonist:innen im Film geben diese Plätze ein Gefühl der Sicherheit, einen Space, wo sie ungestört ihre Kunst ausleben können, oder einfach nur sie selbst sind. Gut, ästhetische, verlassene Theater oder Kirchen, aber verdreckte Tunnelsysteme? „I have a feeling of safety in the tunnels” Während die Welt über ihnen in rigiden Systemen arbeitet ist unterhalb ein Gefühl der Ruhe wahrzunehmen. Da ist niemand, der einem sagt, was man wie zu leben hat. Der Film bietet die Möglichkeit ein Feingefühl zu entwickeln für jene, die dem sozialen Lärm entkommen wollen und müssen.
Zwischen Adrenalin, Haltung und Risiko
„I want to be different“, sagt eine der begleiteten Personen. Es geht nicht um Rebellion um jeden Preis. Es geht um Selbstfindung und Entwurzelung im positiven Sinne – manchmal auch durch Grenzüberschreitung. Mit wachsender Überwachung und Sicherheitsvorkehrungen wird das Erkunden schwieriger. Mama würde sagen: „Es ist zu eurem Besten.“ Ein Explorer hingegen denkt: Dann müssen wir besser werden – im Blockaden umgehen und Schlösser knacken. Was oft als spontane Schnellschuss-Reaktion abgetan wird, erfordert Planung, Orientierungs- und Durchhaltevermögen. Bis zu 5h kann eine Tour durch ein Tunnelsystem dauern, wenn man sich nicht verläuft.

Und ja – Kritik bleibt berechtigt. Der Film selbst verweist darauf, dass manche Aktionen zu leichtsinnig sind, gefährlich für andere und sich selbst. Menschen sterben dabei und werden verhaftet. Deshalb geht es auch immer um ein Mindset: Haltung zeigen, nicht leichtsinnig zu handeln, sondern ethisch korrekt sich selbst und anderen gegenüber. Räume mit Respekt betreten – und mit Leben füllen, nicht mit einem Zerstörungswillen, der diesen Gruppen angedichtet wird.
Angst überwinden – nicht vergessen
Einer der Protagonisten erzählt, er habe sein ganzes Leben lang Höhenangst gehabt. Der Moment, ganz oben auf der Spitze eines Dachs, hat alles für ihn verändert. „It was the first time I was feeling free“. Eine Netflix Production namens „Skywalker“, die sich ganz dem Freeclimbing widmet, schaffte es trotz Sponsoren nicht, dieselbe emotionale Tiefe zu transportieren wie Urtoben. (Wobei es sich da auch um einen Liebesfilm handelt, aber ähnliche Themen anspricht.)

Dieser Text soll niemandem vermitteln: Kletter auf einen Kran und überwinde deine Ängste. Aber sich selbst in ungewohnten Welten zu begegnen, dem eigenen Körper und seinen Fähigkeiten Vertrauen zu lehren – das kann eine ehrliche Form von Selbstkontakt sein, die uns als Society sicher guttun würde. Dahin gibt es verschiedene Wege und wir als Gesellschaft sollten nicht die verurteilen, die versuchen, ihre Freiheit auf diesen Wegen zu finden.
Fazit: Brutal ehrlich
„Urtoben“, ein Film von Bastian Brandstötter, kommt ganz ohne Sponsoren aus. Eine Fortsetzung ist bereits in Planung. Es gibt noch viel zu erzählen – und solange das Interesse an brutalistisch ehrlicher Narration besteht, darf man auf weitere Einblicke in diese Räume der Stadt gespannt sein.
Fasziniert?
Die Autorin dieses Textes hat eine Podcast-Folge mit einem Urbexer aus Wien aufgenommen. Kennst du schon Schwarzkappler?

© Fotos: Urtoben Media
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