In Schottland wurde letzte Woche einstimmig der kostenlose Zugang zu Menstruationsprodukten beschlossen. Diese sollen in Zukunft an öffentlichen Orten zur Verfügung gestellt werden. Österreich schweigt. Im Gegensatz zu einigen Männern, die sich in sozialen Medien lauthals über ihre vermeintliche Benachteiligung echauffieren.
Eine Person mit Uterus blutet in etwa sieben Jahre ihres Lebens. Das sind ungefähr 500 Menstruationen, die jeweils 4-7 Tage oder sogar länger andauern. In Summe werden im Laufe des Lebens durchschnittlich 14.000 Tampons und Binden benötigt. Pro Jahr geben menstruierende Personen ca. 70€ aus. Das sind im Leben mindestens 2.700€. Die halbe Weltbevölkerung wird mit Uterus geboren und kann sich somit nicht aussuchen, ob sie diese Summe ausgeben möchte oder nicht.
Männer besitzen um 50% mehr Vermögen
Eine diesjährige Studie von Oxfam hat ergeben, dass Männer weltweit um 50% mehr Vermögen besitzen als Frauen. Diese verdienen außerdem durchschnittlich 23% weniger. Dennoch ist der Aufschrei groß. Wie kann es sein, dass Menschen mit Gebärmutter finanziell profitieren dürfen? Sie haben doch schon das große Glück, sich jeden Monat blutend und mit Schmerzen im Bett wälzen zu können.
Wenn es besonders gut läuft, fehlen sie aufgrund ihrer Endometriose in der Arbeit und werden irgendwann gekündigt, weil die Wirtschaft nicht von kranken und schwachen Menschen profitiert. Das regelmäßige Risiko einer ungewollten Schwangerschaft ist übrigens auch ein Segen. Aber man soll sich nicht beschweren – es gibt ja schließlich hormonelle Verhütungsmittel. Aber nur für Personen mit weiblichen Geschlechtsorganen, denn für Männer wären die Nebenwirkungen zu arg gewesen. Kopfweh, Stimmungsschwankungen, Libidoverlust, Gewichtszunahme, Akne & Co. Sind übrigens für alle Menschen gleichermaßen belastend.
In Schottland sind jetzt Periodenartikel kostenlos erhältlich. Der erste Kommentar, den ich dazu lesen durfte, stammt von einem Mann, der fragt, ob das nicht kontraproduktiv für die Gleichberechtigung sei.
— Lala im Dunkelland (@LDunkelland) November 25, 2020
Die Angst um das Steuergeld
„Müssen Männer das jetzt mit ihrem Steuergeld bezahlen?“ Willkommen im Sozialsystem, lieber Herbert. Du hast bislang auch Klopapier und Seife an öffentlichen Toiletten mit deinem Steuergeld bezahlt. War bis dato auch kein Problem, oder? An deiner finanziellen Lage wird sich rein gar nichts ändern und finanziell schlecht gestellte Menschen müssen nicht auf die Straße bluten.
Eine Win-Win-Situation. Zur Beruhigung: Es gibt keine „feministische Kampfemanze“, die Männer Zuhause besucht, um Steuergeld für Hygieneartikel einzutreiben.
Warum ist Rasierschaum dann nicht kostenlos?
Ein Vorschlag der Wutbürger ist außerdem, dass Rasierprodukte jetzt auch kostenlos sein sollen. Für männliche Personen, versteht sich. Es ist ja nicht so, als wären sämtliche Enthaarungsangebote vorwiegend auf Frauen ausgelegt. „Endlich glatte Beine!“ ist jedenfalls kein Werbeslogan für Männer. Man denke außerdem an die zahlreichen Produkte für Intim-Enthaarung.
Ein Großteil der Gesellschaft erwartet, dass weibliche Personen so aussehen müssen als wären sie nie in die Pubertät gekommen. Einmal abgesehen davon schränken Haare – egal ob im Gesicht oder am Körper – nicht zwingend die Lebensqualität ein. Die Menstruation und eine mangelnde Hygieneversorgung hingegen schon.
Männer: Bluten nicht einmal im Monat unter Schmerzen, tragen keine Kinder aus, bekommen mehr Gehalt, zahlen weniger für Pflegeprodukte, Medikamente werden besser für sie getestet, …
Auch Männer: Wenn Frauen Menstruationsartikel umsonst kriegen will ich aber auch was!!!!
— Melonie (@EisMelone) November 26, 2020
Gratis Klopapier für alle
„Und was ist mit kostenlosem Klopapier und Wasser?“ Es ist ja nicht so als gäbe es auf öffentlichen Toiletten eine Gebühr für drei Blatt Klopapier und Wasser. Üblicherweise dient das Entgelt dem Service. Oder musste jemals irgendwer für Wasser aus dem Hydranten oder öffentlichen Wasserspendern zahlen? Sollte dies jemals eingeführt werden, gilt es allerdings für alle Menschen gleichermaßen – unabhängig vom Geschlecht.
Seit Anfang des Jahres gilt in Deutschland ein gesenkter Mehrwertsteuersatz von 7% für Damenhygieneartikel. In Österreich scheint eine Gesetzesänderung allerdings kein Thema zu sein. Dennoch befürchten offenbar einige Menschen, man würde ihnen ihren letzten Cent rauben.
Titelbild Credits: Shutterstock
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