Auch wenn die meisten Kolleg:innen im Büro nicht sagen könnten, wer der amtierende Meister der Bundesliga ist, so sorgt dieser Satz dennoch für gehörig Fußballfieber: Österreich fährt zur WM 2026! Das kommt nicht von ungefähr. Schließlich fühlt sich der Gedanke daran an wie ein warmer Sommertag, ein kühles Bier in der Hand und ein unverhoffter Gruppensieg gegen irgendeine Mannschaft, die sich sicher war, noch nie von uns gehört zu haben.
Eigentlich.
Doch wie so oft, wenn’s um den globalen Fußball geht, steht da plötzlich auch ein großes Aber an der Seitenlinie – das diesmal nicht nach Katar-Hitze schmeckt, sondern nach einem politischen Sturm über den Vereinigten Staaten. Dürfen wir uns trotzdem freuen?
Die USA unter Trump: Der Elefant im Stadion.
Es wird nicht nur die erste WM seit 1998 mit österreichischer Teilnahme, sondern auch die erste WM, die in drei Ländern ausgetragen wird: USA, Mexiko und Kanada (dessen nationale Fußballwelt derzeit dank der Ankunft von Thomas Müller auch in Mitteleuropa zum Begriff wird). Doppelt Grund zur Freude, möchte man meinen. Etwas weiter südlich nimmt das politische Gewitter seinen Lauf: Demokratisch regierte Städte, die als Ausrichtungsorte geplant sind, werden öffentlich bedroht, Spielstätten sollen verlegt werden, Trump geht mit seinen Aussagen in die Offensive in der Geschwindigkeit eines Mbappé-Sprints.
Einmal mehr wird der Fußball – der sich selbst gerne als komplett befreit sehen würde – zur Bühne eines politischen Machtspiels. Das kommt uns doch bekannt vor, oder?
Déjà-vu Katar: Haben wir wirklich etwas gelernt?
Vor vier Jahren verpassten Arnautovic und Co. noch die Winter-WM in Katar (natürlich mit Absicht – Zwinker, Zwinker). Lauter als das frühe Ausscheiden unserer liebsten Nachbarn und ein legendäres, wenn nicht das beste Finale aller Zeiten zwischen Frankreich und Argentinien, hallt von dem Spektakel allerdings der Aufschrei im Ohr nach: Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Korruption. You name it. Protest um die Regenbogen-Binde. Debatten über einen Boykott. Wer sich nicht erinnert, dessen Gedächtnis wird sicher spätestens 2034 wieder aufgefrischt.
Und jetzt?
Jetzt haben wir ein Turnier, das zumindest nicht in einer Diktatur stattfindet – aber in einem politischen Umfeld, das gerade dabei ist, demokratische Grundpfeiler zu testen, zu biegen oder im schlimmsten Fall zu brechen.
Darf man sich also freuen?
Die ehrliche Antwort: Ja – aber mit klarem Kopf. Sportlich gesehen ist es großartig. Österreich hat sich stabilisiert, spielt harmonischen (und manchmal sogar erfrischenden) Fußball und eine WM ist für Fans, Spieler, Wirte und das ganze Land ein riesiges Ereignis. Sich nicht zu freuen wäre unmenschlich. So zu tun, als wäre alles unproblematisch – naiv. Freuen darf man sich immer. Aber es schadet nicht, gleichzeitig wachsam zu bleiben.
Sport ist emotional, politisches Bewusstsein rational. Beides darf gleichzeitig existieren. Freude am Sport und politisches Bewusstsein schließen sich eben nicht aus: Man darf jubeln, ohne blind zu feiern. Gleichzeitig gilt es, kritisch zu bleiben und Fragen zu stellen – etwa zu verlegten Spielstätten, ausgeschlossenen Städten oder den politischen Signalen und Interessen hinter den Entscheidungen der FIFA. Jetzt, nicht erst in vier Jahren, ist der Moment, mögliche Probleme zu benennen, statt später überrascht zu tun. Dabei kann man das Team unterstützen und seine sportliche Leistung würdigen, während man das System dahinter durchaus hinterfragt und kritisiert.
Fazit: Freude mit Haltung!
Österreich fährt zur WM – das ist ein Moment, auf den man stolz sein darf. VDB hat zwar den von Marko ausgerufenen Feiertag am 18. November verschoben – aber nicht ganz aufgehoben. Sollte Österreich den Pokal erringen, lässt sich dem Vernehmen nach noch mal drüber reden.
Wir leben in einer Welt, in der Fußball und Politik untrennbar geworden sind. Und es wäre schade, wenn ausgerechnet wir – als Gesellschaft, die gerne ihre Meinung vertritt – jetzt aus Bequemlichkeit verstummen würden. Also: Jubeln wir. Aber vergessen wir nicht, dass der Fußball zwar ein Spiel ist – die Welt dahinter aber nicht.
Titelbild © IMAGO / Lukas Biereder
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