Glitzer, laute Bässe und jede Menge Regenbogenfahnen – im Juni verwandelt sich Wien wieder in eine riesige Open-Air-Party. Aber wie jedes Jahr dauert es genau fünf Minuten, bis die ersten skeptischen Kommentare im Netz auftauchen: „Warum braucht es heute überhaupt noch einen ganzen Monat dafür? Wir sind doch eh schon so tolerant!“
Es stimmt schon, wir haben viel erreicht. Aber wer glaubt, beim Pride Month ginge es im Jahr 2026 nur noch um ein bisserl Feiern und buntes Marketing, übersieht die Realität. Es gibt verdammt gute Gründe, warum der Pride Month nach wie vor unverzichtbar ist:
1. Errungene Rechte sind leider nicht selbstverständlich
In unserer Wiener Bubble – zwischen Drag-Brunches und Regenbogen-Zebrastreifen – vergisst man leicht, wie zerbrechlich gesellschaftlicher Fortschritt ist. Europaweit sehen wir seit Jahren einen spürbaren Backlash. Konservative und rechte Kräfte gewinnen an Boden, und queere Rechte geraten politisch immer wieder als Erstes unter Beschuss.
Die Realität zeigt: Was einmal gesetzlich erlaubt wurde, kann auch wieder weggenommen werden. Der Pride Month ist die jährliche Erinnerung daran, dass wir die Gleichberechtigung, die sich Generationen vor uns mühsam erkämpft haben, aktiv verteidigen müssen.
2. Sichtbarkeit schafft Sicherheit (und die fehlt oft noch)
„Es ist doch heute eh schon alles normal“, hört man oft. Doch die Erfahrung von Betroffenen spricht eine andere Sprache. Frag mal ein gleichgeschlechtliches Paar, wie sicher sie sich fühlen, wenn sie nachts in manchen Außenbezirken Hand in Hand gehen. Oder frag trans Personen, wie oft sie im Alltag, beim Fortgehen oder auf Ämtern herabwürdigend behandelt werden.
Diskriminierung und Hasskriminalität sind auch 2026 kein erfundenes Problem. Für viele Menschen ist die Pride der einzige Ort im Jahr, an dem sie ohne Angst genau so sein können, wie sie sind.
3. Der Ursprung war kein Fest, sondern ein Kampf
Heute verbindet man den Juni vor allem mit Parade-Wägen und Konzerten. Aber wir dürfen nicht vergessen, woher das Ganze kommt: Die Geburtsstunde der Pride war ein wütender Protest gegen Ungerechtigkeit.
- 1969: Bei den Stonewall-Unruhen in New York wehrten sich marginalisierte Menschen – allen voran trans Frauen of Color wie Marsha P. Johnson – gegen systematische Polizeigewalt.
- Heute: Wenn wir heute auf der Ringstraße tanzen, ist das ein Privileg. Wir feiern die Freiheit, aber wir demonstrieren gleichzeitig für jene, die diese Freiheit noch immer nicht haben. Die Regenbogenparade ist und bleibt im Kern eine politische Demonstration.
4. Ein Blick über den eigenen Tellerrand
Während wir uns hierzulande (zurecht) über Themen wie geschlechtergerechte Sprache oder das „Pinkwashing“ von Großkonzernen unterhalten, ist die Situation weltweit oft dramatisch. In rund 60 Ländern drohen Menschen im Jahr 2026 immer noch Haftstrafen oder Schlimmeres, nur weil sie den „falschen“ Menschen lieben oder nicht der Norm entsprechen. Die Pride in Wien ist deshalb auch ein Akt der Solidarität mit all jenen, die weltweit mundtot gemacht werden.
Warum wir also laut bleiben müssen
Der Pride Month ist kein exklusiver Party-Monat für eine Bubble. Er ist ein jährliches Scheinwerferlicht auf Missstände, die im restlichen Jahr oft unter den Teppich gekehrt werden. Solange Jugendliche Angst vor ihrem Coming-out haben müssen und solange Vorurteile in den Köpfen sitzen, bleibt dieser Monat wichtig.
Also:
Kurz und bündig, Happy Pride! 🏳️🌈
Titelbild © envato
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