Jürgen Ponto-Preis 2022, Nominierung für den Deutschen sowie den Schweizer Buchpreis 2022. Kim de l’Horizons Debutroman Blutbuch ist zweifellos eines der Bücher des Jahres. Ein literarisches Ereignis, das man unbedingt gelesen haben sollte. Denn ein großes Versprechen der Literatur – „ein neues Sternbild für alte Muster und erstarrte Positionen“ zu schaffen – ist endlich eingelöst worden.
Genderequality – Literatur nicht mehr am Puls der Zeit
Die Geschlechtsidentität sowie auch der Geschlechterkörper sind mittlerweile zu einem wahren Schlachtfeld geworden – in jedem nur erdenklichem Sinn. Ein Kampf zwischen Selbstbestimmung und Fremdzuschreibung, zwischen biologischen und gefühlten Körpern. Mit LGTBQ+, FLINTA* und Co versuchen diverse Termini auf das postmodernisierte anything goes-Phänomen Geschlecht zu reagieren. Aber auch gesellschaftliche, politische und kunstschaffende Bereiche werfen ihren Senf in das aufgeheizte Diskusbattle.
Jede Sparte, von Links bis Rechts und dazwischen hat etwas zum Thema Geschlecht zu sagen. Außer die Literatur. Dort tut man sich noch schwer damit, diese Entwicklung einzuordnen. Gemeint mit diesem Schwertun sind nicht Geschichten über Transpersonen oder ähnliches. Dazu wurden in letzter Zeit so einige Werke publiziert, die sich so etwas wie Transliteratur auf die Fahnen schreiben lassen. Das Werk Detransition, Baby der US-Autorin Torrey Peters zum Beispiel wird in den USA als erster großer Transroman gefeiert. Was wir meinen ist jedoch, dass sprachlich auf das Phänomen Genderdiversität nicht entsprechend reagiert worden ist.
Kim de l’Horizons Debutroman Blutbuch
Mit Kim de l’Horizons Debütroman Blutbuch (erschienen bei DuMont) ist seit langem und endlich, endlich, muss man sagen, nein, endlich, muss man schreien (!), ein Text erschienen, der literarisch geradezu meisterhaft ein Phänomen einzufangen vermag, mit dem sich viele Literaturschaffende schwertun. Und um ehrlich zu sein, macht Kim de l’Horizon es einem nicht wirklich leichter damit, doch was er literarisch entwickelt, sucht seinesgleichen.
Kim de l’Horizon schafft es nämlich eine Geschichte zu erzählen, die so etwas wie Geschlechterzuschreibung und Körpereindeutigkeit zum Großteil wirklich fast auszulöschen vermag. Allein schon, wenn Kim de l’Horizon schreibt „mensch“ statt „man“ und dabei unerbittlich konsequent bleibt, muss man wirklich von einer sprachlichen Revolution sprechen.
Geradezu brillant hebt de l’Horizon Ann Cottens „polnisches Gendering“ auf die nächste Stufe. Auch was das Phänomen literarischer Mehrsprachigkeit betrifft, werden wir in Blutbuch mit einem vielsprachigen Text (Deutsch, Schweizer Dialekt, Französisch und Englisch) konfrontiert, der uns alles offenbart, außer das, was wir gewohnt sind.
Stilistisch kompromisslose Familiengeschichte
Kompromisslos rollt de l’Horizon dabei eine Familiengeschichte auf und versucht dabei eine Sexualität zu leben, die kompromisslos, gnadenlos, ausnahmslos und vor allem eines ist: ehrlich. Und Ehrlichkeit ist das Stichwort. Denn jeder Satz schreit nach Leben und Lebendigkeit, verlangt nach Wahrhaftigkeit und zelebriert den vergessenen, verdrängten, verleugneten weiblichen Teil einer heteronormativ erzählten Familiengeschichte.
Blutbuch ist die Chronik eines Menschen, der sich weder als Mann noch als Frau identifiziert und sich auch für die Lesenden lange Zeit nicht einordnen lässt. Den engen ländlichen Strukturen der Herkunft entflohen, fühlt die, lange Zeit namenlose Hauptfigur, sich wohl im non-binären Körper und in der ganz individuell definierten Sexualität.
Kim de l’Horizons Debutroman Blutbuch – sollte mensch gelesen haben!
Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz und eine Vergangenheit holt die Erzählstimme wieder ein. Eine Vergangenheit, an die mensch sich nur bruchstückhaft erinnern kann.
Ein Kampf gegen die elterliche Schweigekultur und die Erforschung der nicht tradierten weiblichen Blutslinie beginnt. Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizons Blutbuch ist ein Befreiungsakt von all den Dingen, die wir unhinterfragt in uns weitertragen, weitergeben und weiterleben. Kompromisslos dekonstruiert Kim de l’Horizon die uns vertraute, klassische Familienerzählung und beweist, dass man sich radikal öffnen muss, wenn man wahrhaftig leben will.
Wenn mensch in diesem Jahr ein Buch lesen sollte, dann ist es das Blutbuch von Kim de l’Horizon!
Titelbild © DuMont / Anne Morgenstern
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