Es ist ein alljährliches Ritual, das pünktlich zum 1. Juni verlässlich wie ein Uhrwerk einsetzt: Die Marketing-Abteilungen der großen Konzerne fahren die bunten Geschütze auf. Innerhalb weniger Stunden verwandeln sich die sonst so cleanen, Corporate-blauen oder minimalistisch schwarzen Firmenlogos auf Instagram, LinkedIn und Co. in ein farbenfrohes Meer aus Regenbogenfarben. Der Pride Month ist da – und mit ihm die Frage, wie viel echte Solidarität eigentlich hinter diesem plötzlichen Farbwechsel steckt.
Das Phänomen ist längst unter dem Begriff Pinkwashing bekannt. Und obwohl Sichtbarkeit für die LGBTQIA+-Community im öffentlichen Raum nach wie vor eine fundamentale Rolle spielt, hinterlässt der jährliche Juni-Hype zunehmend einen faden Beigeschmack. Denn viel zu oft verschwindet der Regenbogen am 1. Juli genauso schnell und geräuschlos wieder, wie er gekommen ist.
Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein
Es ist eine einfache Rechnung: Pride verkauft sich gut. Bunte Sondereditionen, „Pride Collections“ und regenbogenfarbene Goodies fluten den Markt. Das Problem dabei ist selten die Sichtbarkeit an sich, sondern die Frage, was mit den generierten Gewinnen passiert. Fließen die Einnahmen in Initiativen, die queere Jugendliche unterstützen, Schutzhäuser finanzieren oder Aufklärungsarbeit leisten? In den meisten Fällen landen die Profite schlicht im allgemeinen Budget der Unternehmen.
Noch deutlicher wird die Doppelmoral, wenn man einen Blick über den Tellerrand der westlichen Blase wirft.
Das Phänomen der selektiven Solidarität:
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Unternehmensauftritt in Österreich oder Deutschland: Das Logo strahlt in den Pride-Farben, man gibt sich progressiv und offen.
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Unternehmensauftritt in Ländern mit repressiven Gesetzen gegen queere Menschen: Das Logo bleibt im Standard-Design. Man möchte verständlicherweise den dortigen Markt und die dortigen Umsätze nicht gefährden.
Genau hier beginnt die Unglaubwürdigkeit. Wenn gesellschaftliche Werte und die Unterstützung von Menschenrechten an geografischen Grenzen oder wirtschaftlichen Interessen enden, verkommt das Regenbogen-Logo zu einer reinen Marketing-Floskel.
Was passiert in den restlichen elf Monaten?
Echte Allyship zeigt sich nicht in einem temporär geänderten Profilbild, sondern in der gelebten Unternehmenskultur an den restlichen 335 Tagen des Jahres. Hinter den Kulissen vieler „bunter“ Firmen sieht die Realität nämlich oft überraschend farblos aus:
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Interne Strukturen: Gibt es im Unternehmen verlässliche Anlaufstellen für Diskriminierungsfälle? Werden trans- oder nicht-binäre Mitarbeiter*innen strukturell unterstützt, beispielsweise durch geschlechtsneutrale Toiletten oder unkomplizierte Namensänderungen im System?
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Politisches Engagement: Es ist kein Geheimnis, dass manche Großkonzerne im Juni Diversität feiern, während sie gleichzeitig durch Parteispenden oder Lobbyarbeit Politiker*innen unterstützen, die sich aktiv gegen die rechtliche Gleichstellung von queeren Menschen aussprechen.
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Nachhaltige Förderung: Werden queere Organisationen auch im tristen November finanziell oder strukturell unterstützt, wenn gerade keine Kameras laufen und kein Social-Media-Hype generiert werden kann?
Das Publikum schaut genauer hin
Die Zeiten, in denen ein buntes Logo ausreichte, um als modernes, offenes Unternehmen wahrgenommen zu werden, sind vorbei. Konsument*innen sind heute deutlich sensibler für leere Versprechungen und reinen Symbolismus. Es wird vermehrt eingefordert, dass den Worten im Juni auch Taten im restlichen Jahr folgen.
Niemand fordert von Unternehmen, die Welt im Alleingang zu retten. Aber die Erwartungshaltung ist klar: Wenn man sich mit den Werten einer Community schmückt, um das eigene Image aufzupolieren, muss man auch bereit sein, diese Werte zu verteidigen, wenn es ungemütlich wird – und nicht nur dann, wenn es gerade saisonal im Trend liegt.
Fazit: Solidarität ist keine Kampagne
Der Pride Month ist kein saisonales Event wie das Weihnachtsgeschäft oder der Black Friday. Er basiert auf einem historischen und andauernden Kampf um Gleichberechtigung, Sicherheit und Akzeptanz.
Unternehmen, die ihr Logo im Juni einfärben, sollten sich bewusst sein, welche Verantwortung sie damit signalisieren. Wer diesen Werten im Alltag keinen Platz einräumt, sollte vielleicht lieber beim Original-Logo bleiben. Das wäre zumindest ehrlich.
Titelbild © envato
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