Gruppenzwang und Blow-Jobs als Teil des Schultags – ARTE-Doku mit erschreckenden Erkenntnissen
Das Vorspiel hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Lange Zeit galt der erste Kuss als eine Art first step. Mittlerweile laufen die Dinge jedoch anders. Blow-Jobs stehen für französische Teenager:innen nämlich am Tagesprogramm. Das dies jedoch nur selten wirklich auf Freiwilligkeit beruht und häufig in einem von Gruppenzwang und Gewalt geprägten Kontext stattfindet, darüber hat ARTE einen recht aufwühlenden Dokumentarfilm gemacht.
Vom ersten Kuss zum Oralsex – Paradigmenwechsel der Generation Z
Hat man vorher noch den ersten Kuss zwischen zwei Jugendlichen zelebriert – Der Kultfilm La Boum aus den 1980er Jahren mit Sophie Marceau ist in diesem Sinne sozusagen eine einzige filmische Annäherung an den ersten Kuss zwischen zwei sich Verliebenden, ein Ritual, welches am Ende des Filmes endlich vollzogen wird – so ist es heute als französischer Jugendlicher anscheinend geradezu essenziell, von seiner Freundin einen geblasen zu bekommen.
Umgekehrt gilt dasselbe natürlich auch für Mädchen. Natürlich nicht, dass diese oral befriedigt werden, sondern vielmehr, dass sie den Jungs oral Lust verschaffen. Das ist schon einmal die erste traurige Erkenntnis dieser empfehlenswerten ARTE-Dokumentation. Dass sich die patriarchal-repressiven Sexualpraktiken scheinbar immer noch nicht verändert haben. Und es immer noch nur um den Orgasmus des Mannes geht, seine Lust.
Der Blow-Job und die Schulhofrituale an französischen Schulen
Die Grenzen haben sich verschoben. Was vorher der Kuss war, ist jetzt die Fellatio. Und haben die Jungs in der 1980er Jahren noch darüber geredet, ob sie geküsst worden sind, so geben sie heute damit an, dass ihnen einer geblasen wurde. Die patriarchalen Strukturen des Schwanzvergleiches gehen also weiter.
Anstatt einer positiven Veränderung, einer sexuellen Aufklärung, haben sich nur die Grenzen verschoben. Heutzutage muss man als Teenager:in permanent über Sex reden. Und ihn auch haben. Wenn man nicht will oder noch keinen Sex hat, gilt man als verklemmt, zickig und prüde. Denn keinen Sex zu haben ist ja bekanntlich immer noch ein Tabu.
Lust am Vorspiel – Lust?
Die ARTE-Doku Lust am Vorspiel lässt eine Reihe an Teenagern zu Wort kommen, die über ihre sexuellen Erfahrungen „am Schulhof“ berichten. Vor allem wenn die Frauen zu Wort kommen, wird schnell klar, wie sehr junge Menschen immer noch den alten Normen unterworfen sind. Oralsex praktizieren, ohne wirklich Lust zu haben. Einfach nur, weil es erwartet wird, sie dazu gedrängt werden. Gruppenzwang. Druck. Ausgrenzung, wenn man den Erwartungen nicht folgeleistet. Der Titel dieser Arte-Doku ist dabei, zugegeben, leicht missverständlich. Doch das ist nur ein kleiner Kritikpunkt an einer ansonsten recht aufschlussreichen Dokumentation.
Habe auf arte „Die Lust am Vorspiel“ gesehen. In der Doku sprechen junge Menschen (13-23) über ihre ersten sexuellen Erlebnisse.
Das lässt mich ratlos zurück. Und traurig. Vor allem, weil viele erzählen, wie alleine sie fühlten. Elternguckempfehlung.https://t.co/Wwyn6gG31v
— claudine (@claudine) June 16, 2021
Das Leben als französischer Teenager. Masturbation war gestern! Heute muss man als Junge schon einen geblasen bekommen, um etwas zu gelten. Und als Mädchen, da muss man ihm einen geblasen haben. Die vielfältigen Facetten der Sexualität werden einfach außer Acht gelassen und die Sexualität auf veraltete, konservative und repressive Praktiken reduziert.
Fazit
Lust am Vorspiel ist eine aufrüttelnde Dokumentation, die tiefe Einblicke gewährt. Einen Einblick, den man sonst nie bekommen hätte. Gleichzeitig ist diese ARTE-Doku aber vor allem ein Aufschrei, der einmal mehr verdeutlicht, dass Aufklärung über Sex und Sexualität an den Schulen einfach immer noch zu selten stattfinden. So sind diese Jugendlichen innerhalb der starren sozialen Hierarchien der Schulen mit ihrem Schubladendenken gefangen.
Der Dokumentarfilm gewährt Einblick in eine eigene Kultur, von der die Erwachsenen nichts mitbekommen. Die aber umso schrecklicher ist, da sie diese jungen Menschen in ihrer Entwicklung (auch sexuellen Entwicklung) um Jahre zurückwirft. Und anstatt selbstbewusst seine Sexualität zu leben, werden in jungen Jahren schon veraltete Strukturen verfestigt, die zwanghaft sind, unterwerfen und alles andere als so etwas wie Freude am Sex vermitteln. So wird eine an sich schöne Sache, die Menschen miteinander erleben können, zu einer ausbeuterischen Praktik aus Gewalt und Unterdrückung, in der es sehr viel Sex gibt, wo es aber zu keiner wirklich tiefen und intimen Begegnung mit einem anderen Menschen kommt.
Titelbild © Shutterstock
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