Die Pandemie hat uns gebremst. Wir mussten unser Leben von einen Tag auf den anderen an die neuen Umstände anpassen und auf fast alles verzichten, was uns davor durch den grauen Alltag getragen hat: Freunde treffen, Party, Sport & Co. Jede weitere Lockerung triggert jetzt unser „FOMO“ (fear of missing out). Wir wollen nie wieder auf etwas verzichten müssen und die letzten eineinhalb Jahre nachholen – zulasten unserer psychischen Gesundheit.
Jetzt gibt es keine Ausreden mehr, wir müssen ab sofort rund um die Uhr für andere Menschen verfügbar sein. Neben dem sowieso schon belastenden und stressigen Alltag sollen nun auch zig weitere Aktivitäten eingeplant werden. Viele scheinen jedoch vergessen zu haben, dass Covid weder eine neue Form der Zeitmessung eingeführt, noch die Zeit zum Stehenbleiben gebracht hat.
Wir glauben, mehr Zeit zu haben, und überladen uns förmlich mit sozialen Eindrücken. Wir suchen das 100. Hobby, weil 99 Hobbys noch nicht genug waren. Zeit für uns selbst? Nicht notwendig. Spätabends liegen wir dann mit einem Puls von 180 im Bett und wundern uns über Schlafstörungen.
Irgendwann stellt sich dann vielleicht heraus, dass es doch nicht so entspannend ist, fünfzig verschiedene Personen pro Woche zu sehen. Der chronische Schlafmangel, das Nichtabschaltenkönnen und Alkohol- oder Drogenkonsum schlagen auf unsere Psyche. Irgendwann folgt dann die Diagnose: Burnout. Aber woher? Die Arbeit war doch nicht so anstrengend.
Grenzenlose Möglichkeiten und FOMO-Trigger
Als junger Mensch bekommt man vor allem durch soziale Medien das Gefühl, alles ausprobieren zu müssen. Woher sollte man sonst wissen, wohin der persönliche Lebensweg führt? Ob Hobbys, Jobs oder Beziehungen, heutzutage ist unsere Welt schnelllebig. Zudem sieht man stets, was gerade draußen in der Welt passiert und FOMO wird wieder getriggert.
Gewissermaßen ist es auch ein Privileg, darüber grübeln zu können, ob man tatsächlich den richtigen Beruf ausübt oder ob der oder die Partner:in wirklich zu einem passt. Andererseits beeinträchtigen zu viele Optionen die Entscheidungsfindung und hinterlassen ein Gefühl der Unsicherheit.
Soziale Verpflichtungen und der Konflikt mit dem Nein-Sagen
Viele Menschen haben ein Problem damit, „nein“ zu sagen. Entweder sie leiden chronisch an FOMO und haben dadurch die Befürchtung, besondere Momente mit ihren Freund:innen zu verpassen. Oder sie fürchten die Konsequenz, aus ihrem sozialen Umfeld ausgegrenzt zu werden. Wenn sich soziale Aktivitäten allerdings nur noch wie eine Verpflichtung anfühlen, bleibt der Entspannungseffekt gänzlich aus.
Viele Kontakte können zudem erschöpfen und gerade bei hochsensiblen Personen zu einer Überlastung führen. Wer allerdings Zeit für sich selbst einplant, kann so auch aus gelegentlicher sozialer Interaktion mehr Energie schöpfen. Zudem sind Menschen in Bezug auf die Anzahl der Freund:innen psychisch limitiert.
Dir wird alles zu viel?
Du merkst, dass du ausgebrannt bist, wenn du nur noch ein Schatten deiner selbst bist und neben dir stehst. Wenn du den Gesprächen und Eindrücken nicht mehr folgen kannst. Vielleicht hast trotzdem noch das Gefühl, unbedingt dabei sein zu müssen, und ein schlechtes Gewissen, wenn du am liebsten nur noch ins Bett fallen würdest.
Du planst grundsätzlich zu viele Aktivitäten und hast dafür zu wenig Zeit. Die Folge ist, dass du deinen Freund:innen und Familienmitgliedern kaum noch gerecht werden kannst und sich immer jemand vernachlässigt fühlt. „Warum hast du für alles andere Zeit, aber für mich nicht?“, wirst du gefragt. Dabei hast du mittlerweile nicht einmal mehr Zeit für dich selbst.
Dem FOMO-Burnout vorbeugen
Freizeit bedeutet nicht automatisch Entspannung. Oft verstricken wir uns in vermeintlichen Hobbys, die dann doch nicht zur Erholung beitragen. Beim Sport setzen wir uns Ziele, die wir erreichen wollen, und frustrieren dann, wenn wir dies doch nicht können. Wir begeben uns vielleicht auch in gesellschaftliche Kreise, die uns insgeheim stressen, und sind verwundert, weshalb wir nach den Treffen so erschöpft sind.

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Genauso wie wir Meetings mit anderen Personen vereinbaren, sollten wir auch bewusst Zeit mit uns selbst einplanen. Dadurch sind wir im Alltag entspannter und auch unser Umfeld profitiert davon. Denn wer will jeden Abend eine ausgelaugte, überarbeitete und überreizte Person treffen? Richtige Freund:innen und die Familie haben auch Verständnis dafür, wenn man einmal nicht dabei ist. Außerdem können wir von Aktivitäten sowieso nicht profitieren, wenn wir ausgebrannt sind.
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