Susanna Abse beleuchtet in ihrem Buch Verlangen, leiden, hoffen, lieben, die universellen Probleme und die ewigen Dilemmata, mit denen in Beziehungen zu kämpfen ist. Phänomene, die Paare näher-, leider allzu oft aber auch auseinanderbringen. Das eine oft die Kehrseite des anderen. In 13 Erfahrungsberichten entführt sie die Lesenden in ein Reich zwischenmenschlicher Komplexität. Lesenswert!
Paartherapie: Frosch und Prinz
Und mit der Komplexität geht es auch schon gleich in der Einführung los. Hier behauptet Susanna Abse mit einem leichten Augenzwinkern, dass eine Psychotherapie natürlich keinen Frosch in einen Prinzen verwandeln kann. In den Sitzungen geht es vielmehr darum zu erkennen, dass der Frosch und der Prinz zwei Seiten ein und derselben Person sind. Eine Lösung des Konflikts tritt im besten Falle dann ein, wenn diese Tatsache akzeptiert wird.
Und klar, wenn man sich zum Beispiel von einem sensiblen und zurückhaltenden Partner mehr Entscheidungskraft wünscht, mentale Stärke usw. dann werden diese Erwartungen schnell unrealistisch. Die Person kann nicht beides sein. Denn die Stärke in bestimmten Momenten (Sensibilität) kann in anderen Situationen auch eine Schwäche sein. Wenn es zum Beispiel darum geht, schnell eine Entscheidung zu treffen oder ähnliches. Beziehungsprobleme sind bei dieser Ausgangslage praktisch vorprogrammiert.
Paartherapie: Wahrheiten zusammengeführt zu neuem Narrativ
Weitere wichtige Erkenntnis: Auch wenn sich Paare als eins begreifen (in den vielleicht eher ungesunden Fällen) so gibt es, laut Abse, doch bei jedem Paar immer noch zwei Aspekte der „Wahrheit“.
Beim ersten Aspekt geht es darum, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und eigene Erfahrungen zu reflektieren. Der zweite Aspekt legt nahe, sich den Gefühlen des Partners oder der Partnerin zu stellen und deren Erfahrungen zu verstehen. Es gilt herauszufinden, ob diese beiden Wahrheiten (meine Gefühle und die des anderen Menschen) nebeneinander existieren können, ohne dass die eine die andere zu zerstören droht.
Klar, kämpft man doch in Beziehungen oft um eine Vormachtstellung der eigenen Ansichten. Dies geschieht oft unbewusst und man benötigt viel Einsicht, um zu begreifen, dass die eigene innere Wahrheit keine objektive Wirklichkeit ist. Laut Susanna Abse ist die eigene innere Wahrheit oftmals nur eine Spiegelung der eigenen familiären Erfahrungen.
Eine Therapie soll dabei helfen, neugierig, weniger defensiv und offener gegenüber den Wahrheiten des anderen zu werden, um sich so neu zu entdecken. So entsteht, laut Abse, eine neue Wahrheit, eine Wahrheit, die geteilt wird und ein neues Narrativ entstehen lässt. Dabei soll eine Paartherapie natürlich helfen.
Paartherapie: Die Prägung unserer Erfahrungen
Die erfahrene Psychotherapeutin Abse hat erkannt, dass wir von unseren vorherigen Erfahrungen durchdrungen sind und von diesen geformt werden. Zum Großteil geprägt von unserer Familie. So begegnen wir jedem neuen Ereignis bzw. jeder neuen Beziehung mit dieser Prägung bzw. Vorurteilen, wovon wir niemals frei sind. Objektiv sind wir daher nie, die Vergangenheit lebt in unserer Gegenwart weiter.
Foreign editions – 3 down – 6 more to come ‘Tell Me the Truth about Love’ @EburyPublishing pic.twitter.com/eskObcLgcx
— Susanna Abse (@SusannaAbse) July 28, 2023
Alltägliche Beziehungsprobleme: therapeutisch brillant seziert
So viel zur Theorie. Das Herausragende an Susanna Abses Buch Verlangen, leiden, hoffen, lieben
13 Geschichten aus der Praxis einer Paartherapeutin ist jedoch vor allem der Fokus auf das Praktische. Sie nimmt uns mit in 13 außergewöhnliche Geschichten aus ihrer Praxis, von denen jede eine andere Beziehungsdynamik veranschaulicht.
Das Außergewöhnliche und diesen Geschichten, die vielmehr Erfahrungsberichte sind, ist jedoch gerade das Alltägliche daran. Wo viele pop-psychologische Bücher uns mit der Analyse von Serienkillern und Mördern locken, besinnt sich Abse auf eine geradezu banale Zwischenmenschlichkeit. Denn die Beziehungsprobleme ihrer Patient*innen sind oftmals so alltäglich, dass man nicht umhinkommt, sich selbst darin zu erkennen.
Paartherapie: ein Fazit
Doch Susanna Abse gelingt das Kunststück, uns in dieser Banalität nicht hilflos absaufen zu lassen. Als einfühlsame und verständnisvolle Erzählerstimme, die über den Paaren und deren Problemen schwebt, nimmt sie uns bei der Hand und führt uns immer Tiefer in die Lösung der Konflikte.
Es fühlt sich an, als wäre man live bei den Sitzungen dabei, in der ersten Reihe, und eine geschulte Moderatorin führt uns immer näher an die Problematik heran. Von der wir immer mehr und mehr verstehen lernen. Abse gelingt mit ihrem Buch eine unterhaltsame, aber vor allem auch extrem lehrreiche Lektüre, die man nur schwer aus der Hand legen kann.
Titelbild © Shutterstock
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