Der Verleumdungsprozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp schlug in den sozialen Medien große Wellen. Sechs Wochen lang zog sich der Prozess, der über Kameras per Livestream öffentlich verbreitet wurde. Die Meinungen gehen auseinander und der Prozess polarisiert. Doch egal, wie man es sieht, gibt es in Wirklichkeit nur Verlierer:innen.
Bereits im Jahr 2020 gab es einen Prozess zwischen „The Sun“ und dem Schauspieler Johnny Depp. Damals entschied das Gericht, dass der Bericht der britischen Boulevardzeitung der Wahrheit entspräche. Darin war geschrieben, dass Depp gegen seine Ex-Frau Amber Heard gewalttätig wurde. Demgegenüber sagte Depp im damaligen Prozess bereits, dass auch seine Ex-Frau gegen ihn gewalttätig gewesen sei. Nun schien es für viele Fans des Schauspielers eine gerechte Neuauflage des damaligen Prozesses zu geben. Das Urteil fiel dieses Mal aber auch aus.
Während des Prozesses kamen intime und erschreckende Details einer kaputten Ehe zutage, in der sowohl Depp als auch Heard in gewisser Weise Opfer und Täter sind. Von beiden Seiten hagelte es schwere Vorwürfe: Sexuelle und häusliche Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Falschaussagen sowie toxische Beziehungsmuster standen dabei im Vordergrund.
Die Geschworenen haben Depp in allen Anklagepunkten recht gegeben, Amber bekam in ihrer Gegenklage lediglich in einem von drei Punkten recht. Das Gericht sprach Depp deswegen 10 Millionen US-Dollar Schadenersatz zu, Heard lediglich zwei. Dies ist dennoch kein umfassendes qualitatives Urteil über die Verhältnisse von Gewalt in deren Beziehung – es ging in erster Linie um Verleumdung.
Toxische Beziehungsmuster: Depp gegen Heard, Heard gegen Depp
Im Gerichtsaal wurde jedes kleinste Detail ihrer toxischen Beziehung auseinandergenommen. So soll Heard eine Zigarette auf dem Gesicht des Schauspielers ausgedämpft und auf seiner Bettseite Fäkalien hinterlassen haben. Außerdem habe Depp wohl in einem Streit mit Heard seine Fingerkuppe verloren, als diese eine Flasche Wodka nach dem Schauspieler warf.
Heard legte etliches Foto- und Videomaterial von diversen Wutausbrüchen und Alkohol- und Drogenexzessen ihres Ex-Mannes vor, hatte aber kein einziges Mal ihre eigenen Verletzungen wie etwa die vorgeworfenen blauen Flecken oder die gebrochene Nase fotografiert.
Umgekehrt gibt es von Depp etliche Beweisfotos von den Verletzungen, die ihm angeblich seine Ex-Frau zugefügt hatte. Auch nach einem Streit, von dem Heard angab, Johnny wäre gegenüber ihr gewalttätig gewesen, konnten die Beamten keine Verletzungen bei der Schauspielerin feststellen. Die 36-Jährige hingegen habe sich ein paar Tage danach in der Öffentlichkeit mit Verletzungen gezeigt. Die Zeugenaussagen in dem Verleumdungsprozess scheinen sich offenbar nicht mit den Anschuldigungen der Schauspielerin zu decken. Es wirkt so, als verstricke sich Heard rasch in Widersprüchen und unglaubwürdigen Argumentationen.
Alkohol- und Drogenexzesse
Depp hatte in der Vergangenheit immer wieder mit seiner Alkohol- und Drogensucht zu kämpfen. Dabei habe er vor allem Alkohol, Kokain, Benzodiazepine und Opiate konsumiert. Zahlreiche Textnachrichten, Videoaufnahmen und Aussagen von Heard lassen vermuten, dass Depp mehr als nur einmal betrunken oder unter dem Einfluss von Substanzen stand, als es zu einer Auseinandersetzung mit seiner Ex-Frau kam.
In einem Video, das von Heard aufgenommen wurde, schlägt Depp morgens wütend in seiner Küche um sich, trinkt ein großes Glas Wein. Dabei brüllt der Schauspieler, dass er ihr zeigen werde, was „verrückt“ sei. Im Kreuzverhör sagte Depp, dass er zwar „einige Küchenschränke“ angegriffen habe, nicht jedoch seine Ex-Frau. Auch wurden Textnachrichten vor Gericht vorgelesen, in denen Depp beschreibt, wie er Heard „verbrennen“ und „umbringen“ wolle.
Nicht immer sind Männer Täter in Beziehungen
Der Fall zeigt auch, dass Männer nicht zwangsläufig Täter sein müssen. In gewalttätigen Beziehungen sind zwar Männer häufig die Täter, aber nicht immer und schon gar nicht automatisch. Auch Frauen können Täterinnen sein und Männer können zu Opfern werden.
Dies kann sich etwa in physischer und psychischer Gewalt äußern oder eben auch in Falschaussagen. Frauen, die Falschaussagen machen, untergraben damit die Glaubwürdigkeit anderer Frauen, die tatsächlich Opfer geworden sind.
Auf der anderen Hand stehen aber viele Beweise, die auch Depp als Gewalttäter überführen. Beispielsweise geleakte Chat-Nachrichten aus dem Jahr 2016. Auch der im Jahr 2020 geführte Prozess belegt die Übergriffe des Schauspielers. Jedoch macht das Internet nur Stimmung gegen Heard – eine undifferenzierte Darstellung.
Keine Gewinner, nur Verlierer
Angesichts des enormen öffentlichen Interesses wurde vor Gericht, in sozialen Netzwerken und in den Medien das toxische Verhältnis von zwei weltbekannten Persönlichkeiten diskutiert und verhandelt. Und aus den offenbar vielen Grauschattierungen dieser gewaltbereiten Beziehung scheint sich öffentlich ein klares Schwarz-Weiß-Bild herauskristallisiert zu haben, nämlich #MeToo und #MenToo.
Depp und Heard mussten beide als Projektionsfläche für die Debatte von psychischer und physischer Gewalt herhalten. Doch wirklich gewonnen hat am Ende keiner der beiden – und was bleibt, ist ein verzerrter Diskurs über Gewalt in Partnerschaften.
Aus dem Kontext gerissenes Audio
:Depps Anwalt Waldman- berühmt für seine zwielichtigen Verbindungen zu russischen Oligarchen und Desinformationskampagnen, einschließlich der US-Wahlen 2016 #IStandWithAmberHeard https://t.co/F25JyS5wX0— Allin Yourhead (@AYourhead) June 7, 2022
Titelbild © Shutterstock
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