Die im deutschsprachigen Sprachraum erst vor kurzem entdeckte Ausnahmeautorin Mieko Kawakami zeigt in ihrem mittlerweile zweiten übersetzten Buch Brüste und Eier, was es heißt, sich als Frau in Japan zu emanzipieren. Herrlich, absurd und tiefgründig zugleich.
Familienbesuch
Der Wahnsinn hat Methode. Entführte uns die japanische Autorin Mieko Kawakami in ihrem Werk Heaven in die Hölle des Mobbings so führt sie uns diesmal die zutiefst bizarre und absurde Seite des japanischen Frauseins vor Augen.
Die eher in sich gekehrte und zurückhaltende Natsuko bekommt unverhofft Besuch von ihrer Schwester Makiko und deren Tochter Midoriko. Letztere befindet sich in einem Redestreik – keine weiß, wieso – und die Mutter/Schwester spricht eigentlich nur von ihrer bevorstehenden Brust-OP. Das kann ja heiter werden.
Brüste und Eier: von gebleichten Brüsten und anderen Seltsamkeiten
Vor allem die Farbe ihrer Brustwarzen lässt sie nicht los und hat sie geradezu traumatisiert. Die seitenlange Passage über gerade diese Brustwarzen-Thematik ist jedoch so gekonnt geschrieben, dass man nur noch staunen kann, wie Kawakami es gelingt, dem Problematischen einen skurrilen Touch zu verleihen und das ganze dann noch dermaßen unterhaltsam rüberzubringen, garniert natürlich mit einer perfekt abgestimmten Brise Gesellschaftskritik.
Die Irrsinnigkeit der Brustobsession wird virtuos ad absurdum geführt, das Objekt patriarchaler Begierde gekonnt dekonstruiert, ohne dabei zu zwanghaft zu wirken. Das geradezu Meisterhafte an Brüste und Eier ist wirklich Kawakamis Fähigkeit, gesellschaftliche Phänomenen (Frausein, gestörte Schönheitsideale und so weiter) gekonnt in die Romanform zu verweben, ohne dabei zu sehr ins Essayistische zu gehen.
Mieko Kawakami und das gekonnte Auslassen der Redundanz
Die grandiose französische Ausnahmeautorin Virginie Despentes verfolgt einen ähnlichen Ansatz – der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Dennoch dominieren bei ihr ganz klar die essayistischen Untertöne. Mieko Kawakami ist da ganz anders, erbarmungslos lässt sie ihre Figuren in bizarre Situationen schlittern und praktisch durch dieselbe Scheiße watten wie Despents ihre Charaktere, doch wird das Problem nie so klar angesprochen wie von der französischen Autorin. Trotzdem ist es so eindeutig vorhanden.
Kawakami entwirft einen Rahmen, durch den die Frauen schreiten, wobei dieser Rahmen nie bewusst thematisiert wird. Als Beispiel: Während Despentes Figuren intellektuell über ihre Situation lamentieren und das Problem auf einer Metaebene philosophisch, psychologisch, soziologisch und so weiter klar benennen können, leben Kawakamis Figuren einfach nur in einer solchen Welt. Reflexionen finden in der Figurenwelt nicht bewusst statt, die Autorin verhandelt diese vielmehr in den Dialogen, Gesten und dem Verhalten.
Es ist aber, wenn man es recht bedenkt, erzählerisch recht plump, wenn die Charaktere ihre eigenen Issues noch einmal vor einem ausdiskutieren, wo wir Lesenden ohnehin schon gelesen haben, was Sache ist. Kawakami spart diese Form der Redundanz — wenn man so will — vollkommen aus. Die Schlüsse muss man selber ziehen, die Figuren reflektieren nicht, sondern leben einfach nur. Und gerade das ist herzhaft erfrischend.
Fazit
War ihr Buch Heaven noch eine Art Mobbing-Pamphlet, dringt Kawakami mit Brüste und Eier in eher heitere, wenn auch sozialkritisch nicht minder relevante Themen vor. Ihr virtuoses Spiel mit Banalitäten, welche sie mit Menschlichkeit zu säumen pflegt, zaubert eine Alltäglichkeit, die dermaßen schön zu erfahren ist, dass ihr Buch ruhig doppelt so lang hätte sein können, ohne dabei langatmig zu sein.
Die japanische Ausnahmeautorin schafft es, ihre literarischen Welten so zu entwerfen, dass man als Lesende*r die Möglichkeit genießt, praktisch dasselbe erfahren zu können wie Kawakamis Figuren. Trotz der Schwierigkeiten, welche die Figuren haben, wird das Leben selten so schön beschrieben wie hier, als erlebbare Möglichkeit und gelebte Wahrhaftigkeit.
© Laker via Pexels
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