In den 1990er-Jahren sorgte sie mit ihren explizit nicht jugendfreien Romanen für Kontroversen. Seit ihrer Subutex-Trilogie ist Virginie Despentes endgültig der Star am französischen Literaturhimmel. Mit ihrem Buch Liebes Arschloch kommt nun ihr neuestes Werk in unsere Buchhandlungen. Wir haben es für euch gelesen.
Virginie Despentes: Enfant terrible der französischen Literaturszene
Anfang der 1990er-Jahre schlug ihr Debütroman ein wie eine Bombe. Hart, kompromisslos und voller Leidenschaft droppte Virginie Despentes ihr Erstlingswerk Baise-moi (auf Deutsch: Fick mich!) und wurde zum Literaturstar. Darin geht es um zwei Frauen, die, ganz im Sinne der Thelma and Louise-Thematik, die Schnauze voll von den Männern haben, durchs Land fahren und reihenweise Arschtritte verteilen.
Doch damit nicht genug. Dem ganzen setzte Despentes damals nämlich noch eines drauf. Die Protagonistinnen in Baise-moi sind beide, wie die Autorin selbst, Opfer von sexualisierter Gewalt, stehen am Rande der Gesellschaft und sind die Erniedrigungen leid. Gemeinsam beginnen sie einen Rachefeldzug jenseits aller moralisch und gesetzlich denkbarer Schranken.
Sie ziehen durch Frankreich und killen reihenweise Männer, oftmals auch nachdem sie diese zuerst verführt haben. Der politische Wohlfühlfeminismus wird in Baise-moi zur Radikalität weiterverarbeitet, bleibt darin jedoch verständlich und stilistisch konsequent. Klar, dass die expliziten Gewaltdarstellungen die Kritik nur so anzogen wie ein Haufen Scheiße einen Schwarm Fliegen.
Skandalautorin mit Weltliteratur
Virginie Despentes vorschnell als Skandalautorin abzutun, wäre jedoch ein fataler Fehler. Auch wenn sie mit der Verfilmung von Baise-moi (2000), bei der sie selbst Regie führte, und anderen Texten, einiges dazu beigetragen hat, Skandale auch bewusst zu provozieren.
Sie hat aber auch bewiesen, dass sie einen intelligenten und vor allem reflektierten Blick auf die Gesellschaft werfen, und die gewonnenen Erkenntnisse aus ihren Beobachtungen des Zeitgeschehens, gekonnt wie selten jemand, in Literatur umwandeln kann. Auch ihre Essays (King Kong Theorie) bezeugen die sehr ausgeprägte philosophische Fähigkeit, outside the Box zu denken, nicht nur blind Männer zu hassen (wenn wir schon bei der feministischen Thematik sind), sondern auch ideologische Zwänge, unter denen alle leiden, geschickt zu dekonstruieren.
Virginie Despentes: der weibliche Balzac des 21. Jahrhunderts
Mit ihrer, von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeierten Subutex-Trilogie ist ihr, was das betrifft, eine geniale wie auch unterhaltsame Bestandsaufnahme der Gesellschaft gelungen. Seit da an gilt sie als „der weibliche Balzac des 21. Jahrhunderts“ und man muss neidlos anerkennen, dass dies wirklich zutrifft.
In ihrem Subutex-Werk versammelt sie einen Haufen Figuren aus unterschiedlichsten Verhältnissen und Biografien und lässt sie alle eine gemeinsame Geschichte erleben, in welcher der Held, Vernon Subutex, so etwas wie der rote Faden ist. Geschickt öffnet sie unseren Blick auf eine diverse Gesellschaft, in der jede gesellschaftliche Klasse „zu Wort kommt“, bzw. man einen allumfassenden Blick auf eine Gesellschaft werfen darf. Ein vielschichtiger und weiträumiger Roman, der jenseits uns vertrauten Bubble-Existenz.
Liebes Arschloch: Virginie Despentes neues Buch
Ihr neues Buch Liebes Arschloch ist somit schon vor dem Lesen der ersten Seite mit überdimensional hohen Erwartungen beladen. Die Vorschusslorbeeren, in deren Genuss Despentes kommt, könnten ihr da leider zum Verhängnis werden. Die Ausgangslage verspricht jedoch schon einmal alles, was zu einer spannenden Lektüre gehört: Der Erfolgsautor Oscar wird von seiner sexistischen Vergangenheit eingeholt. Seine ehemalige Lektorin Zoè, mittlerweile erfolgreiche Influencerin und „Radikalfeministin“, beschuldigt ihn der sexuellen Belästigung und meint, aufgrund dieses Zwischenfalls auch ihren Job beim Verlag verloren zu haben.
Klar, den Bestsellerautor kann man schlecht feuern, das Opfer seiner Übergriffigkeit aber schon. Ein Shitstorm ist die Folge. Oscar nimmt daraufhin, recht unkonventionell, mit dem Filmstar Rebecca (eine ehemalige Kinderfreundin seiner Schwester) Kontakt auf. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kommen sie sich immer näher und nutzen ihren Mailverkehr als eine Form der Psychotherapie. Eine Freundschaft entwickelt sich. So viel zu den Rahmenbedingungen.
Liebes Arschloch: gelungen, aber nicht innovativ
Wie in, im Grunde allen ihren Werken, nimmt Virginie Despentes auch in Liebes Arschloch alle wichtigen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit auf. Gekonnt verwebt sie die metoo-Thematik in ihre Geschichte, umgeht dabei doch gewieft den Fehler, aus der Perspektive des Opfers zu schreiben. Klar, Zoè kommt auch zu Wort, im Vergleich zu Oscar und Rebecca, jedoch eher am Rande. Doch an und für sich beleuchtet Despentes eher die Biografie und vor allem die Psychologie des Täters, der vehement versucht, sich als Opfer zu sehen, von seiner neuen Freundin Rebecca, aber immer wieder eines Besseren belehrt wird.
Wie für Despents üblich, vermeidet sie den Weg der Vereinfachung, zeichnet ein differenziertes Bild der französischen Verlags- und Filmszene und verortet die Verfehlungen des Einzelnen auch in dem Scheitern eines Systems, indem die „Schwachen“ von den „Mächtigen“ einfach aus einem Prinzip heraus ausgebeutet werden. Diese „Mächtigen“ (Oscar, aber auch Rebecca) sind bei Despentes jedoch nicht einfach nur Täter*innen ohne Gesicht, sondern ihrerseits auch nicht viel mehr als Opfer der Gesellschaft und der Umstände, in denen sie leben müssen.
Liebes Arschloch: ein Fazit
Sprachlich wie immer grandios, gewitzt und mit einem atemberaubenden Flow, überzeugt Despentes Literatur wie eh und je. Was man jedoch bemängeln kann, ist die Tatsache, dass es ihr nicht gelingt, den Briefroman ins 21. Jahrhundert zu holen. War vermutlich nicht einmal ihr Anspruch, wird vom Verlag aber leider so verkauft. Die Texte, die sich die Figuren schreiben, wirken eben immer noch wie Briefe, obwohl man davon ausgehen kann, dass es ja Mails sein sollen. Hier hätte man schon zum Beispiel mit kreativen Betreff-Texten punkten können.
Die Form, die Virginie Despentes für ihren „modernen“ Briefroman wählt, ist daher leider einfach zu konservativ. Was wirklich schade ist, denn wie ein moderner Briefroman bzw. Mail-Roman zu schreiben ist, hat der österreichische Autor Daniel Glattauer schon 2006 mit seinem Roman Gut gegen Nordwind eindrucksvoll demonstriert. Darauf hätte man aufbauen und sich vielleicht an einem Whattsapp-Roman versuchen können. Despentes gelingt es, was das betrifft, nicht, die heutige Kommunikationsform gekonnt ins Literarische zu holen. Was aber vermutlich nicht ihr Ansatz war.
Als Geschichte an sich ist Liebes Arschloch dennoch extrem lesenswert und Virginie Despentes beweist einmal mehr ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Phänomene gekonnt in Literatur zu verwandeln und auch essayistisch zu arbeiten, ohne den Text zu sehr als Essay rüberkommen zu lassen. Eine Kunst. Liebes Arschloch ist ein Werk, dass sich geschmeidig in Despentes Opus einreiht und für das dasselbe gilt, wie für jedes einzelne ihrer Bücher: Sollte man unbedingt gelesen haben!
Titelbild © Shutterstock
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