Der 8. März in Wien. Man kann die Uhr danach stellen: Pünktlich zum Frühstück ploppen die Instagram-Kacheln auf. Unternehmen posten Pastellfarben, es gibt 10 % Rabatt auf Duftkerzen „für die Powerfrau“ und in der U-Bahn werden Rosen verteilt. Es ist der jährliche Versuch, ein systemisches Problem mit einer Geste zu übertünchen, die nach spätestens drei Tagen im Biomüll landet.
Sprache schafft Realität: Warum „Weltfrauentag“ ein Euphemismus ist
Worte sind mächtig. Wenn wir von „Weltfrauentag“ sprechen, klingt das nach einem netten Jubiläum. Ein bisschen wie Muttertag. Es suggeriert, dass wir den Status Quo feiern, statt ihn zu hinterfragen.
Der Begriff „Feministischer Kampftag“ hingegen ist kein aggressives Überbleibsel aus den 70ern, er ist eine notwendige Erinnerung an den Ursprung dieses Tages. Er macht klar: Hier wird nichts geschenkt. Hier wurde und wird etwas eingefordert. Gleiche Bezahlung, körperliche Selbstbestimmung, das Ende patriarchaler Gewalt. Ein Kampftag braucht keine Pralinen, er braucht politische Konsequenzen.
2026 – Und wir sind immer noch nicht fertig?
Ja, wir stehen 2026 an einem Punkt, an dem wir müde sind. Müde, zum hundertsten Mal zu erklären, warum die Gender Pay Gap in Österreich immer noch eine der höchsten in Europa ist. Müde, darüber zu diskutieren, warum unbezahlte Care-Arbeit (Haushalt, Kinder, Pflege) immer noch fast ausschließlich auf den Schultern von Frauen lastet. Und verdammt noch mal müde, dass der Heimweg von der Party durch den Wiener Stadtpark 2026 immer noch mit dem Schlüssel zwischen den Knöcheln bestritten wird.
Feminismus ist kein Projekt, das man irgendwann „abschließt“. Es ist ein permanenter Wachzustand gegen einen Backlash, der uns jederzeit wieder Rechte entziehen will, die wir für selbstverständlich hielten.
Der bittere Beigeschmack der Symbolpolitik
Wenn Firmen am 8. März Rosen verteilen, aber am 9. März keine Transparenz bei den Gehältern schaffen, ist das kein Support. Das ist Marketing auf dem Rücken einer Revolution. Wenn wir „Frauen feiern“, ohne über die strukturelle Benachteiligung von trans Frauen, schwarzen Frauen oder Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen zu sprechen, dann ist das kein Feminismus, sondern eine exklusive Teeparty.
Gleichberechtigung ist kein „Frauenthema“. Es ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wer 2026 glaubt, mit einer Schachtel Pralinen seinen Beitrag geleistet zu haben, hat das Problem nicht verstanden.
Warum wir nicht leiser werden
Wir reden 2026 immer noch darüber, weil Stille der beste Nährboden für Ungerechtigkeit ist. Wir reden darüber, weil Solidarität mehr ist als ein Hashtag. Und wir nennen es Kampftag, weil es ein Kampf bleibt, solange Sicherheit, Geld und Macht in unserer Gesellschaft immer noch nach dem alten, patriarchalen Muster verteilt werden.
Nennt es, wie ihr wollt. Aber erwartet nicht, dass wir lächeln, wenn ihr uns Blumen reicht, während wir eigentlich Gerechtigkeit verlangen.
Der 8. März ist kein Feiertag. Er ist ein Versprechen, dass wir nicht aufhören, bis der Kampftag irgendwann wirklich nur noch Geschichte ist. Aber bis dahin: Spart euch die Blumen. Geht auf die Straße.
Titelbild © Shutterstock
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