Instagram: über eine Milliarde Nutzer*innen, mit über 100 Millionen Fotos pro Tag. Massenhaft Daten, die in Form von Dark Data irgendwo in der Cloud gespeichert, auf ewig vor sich hin versauern. Aber egal. Die „freundliche“ App ist mittlerweile zu einem must have geworden. Wie mitunter gefährlich Instagram jedoch ist, veranschaulicht eine sehenswerte ARTE-Dokumentation, die man unbedingt gesehen haben muss. Einfach nur, um etwas besser über die versteckten Dynamiken der Erfolgsapp Bescheid zu wissen. Und um auch mit dem Einfluss, den Instagram mittlerweile auf uns hat, besser umgehen zu können.
Instagram – Die frühe Geschichte …
Als Ende 2010 die App Instagram geboren wurde, waren nur einige wenige Enthusiast*innen und Hipster wirklich Teil der heutigen Internetrevolution. Der plötzliche Erfolg übertraf jedoch schon damals alle Erwartungen. Drei Monate nach dem Launch der App zählt diese bereits eine Million Nutzer*innen. Dabei handelte es sich zu Beginn hauptsächlich um Ästhetik-affine Hipster, die ihre „Fotokünste“ präsentieren wollten.
Bald darauf eroberten jedoch die Promis das Netzwerk. Allem voran der Kardashian-Clan. Während sich alle anderen Celebrities vor einem Instagram-Abo sträubten – da sie durch die Offenlegung ihres Privatlebens einen Rückgang ihres Star-Status befürchteten – hat Mama Jenner am frühesten erkannt, dass sich diese App nutzen lässt, um (ganz im Gegenteil) seine Popularität zu steigern. Ins schiere Grenzenlose.
Als Justin Bieber dann auch noch anfing, Bilder von seinem Privatleben zu posten (und im Juli 2011 damit auch noch die ganze Plattform lahmlegte), war die Sache klar. Diese Erfindung wird die Welt verändern. Weniger als ein Jahr nach dem Start hatte Instagram bereits 10 Millionen Nutzer*innen.
📸Knipsen, posten, influencen – die digitale Litfaßsäule #instagram wird täglich mit 100 Millionen neuen #Fotos gefüttert. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses #Bilder-Exzesses sind dramatisch. Unsere Doku geht dem toxischen Netzwerk auf den Grund. https://t.co/rRCGK4aDp7
— ARTE (@ARTEde) August 23, 2022
… und der schnelle und tiefe moralische Fall von Instagram
Danach geht es Schlag auf Schlag. Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer und König des Internets, kauft Instagram für eine Milliarde US-Dollar. Und das, ohne dass Instagram bis dahin auch nur einen Cent erwirtschaftet hat – weil die App ja gratis war und damals noch keiner auf die Idee kam, Werbung dort zu machen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Instagram 25 Millionen Nutzer*innen und 13 Mitarbeiter*innen.
Im Jahr 2014, beim Stand von 150 Millionen Nutzer*innen, setzt Mark Zuckerberg schließlich das erste Mal Werbung durch, um seine Investition endlich rentabel zu machen. Doch tut er dies ganz vorsichtig und behutsam, mit nur einer Werbung am Tag. Und auch was die Form dieser Werbung betrifft, hatten die Instagram-Gründer Mike Krieger und Kevin Systorm klare Vorstellungen. So musste die Werbung einen bestimmten hochglanz-ästhetischen Look haben, vergleichbar mit dem Vogue-Magazin.
Die Geburtsstunde des Influencermarketing
Schnell erkannte man jedoch, dass man, entweder eine teuer produzierte Werbeanzeige schalten kann oder einfach nur eine Person mit vielen Follower*innen davon überzeugen muss, über ein Produkt zu sprechen. Influencer Marketing war geboren und der moralische Untergang besiegelt, wenn man so will.
Seit diesem Zeitpunkt kämpfen die „guten Menschen von Instagram“ – wie die Autoren Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in ihrem Buch Influencer. Die Ideologie der Werbekörper schreiben – um die Aufmerksamkeit der Community.
„Dank“ des Einflusses von Instagram hat sich im Leben der Menschen so einiges geändert. Vor allem im Leben dieser „guten Menschen von Instagram“. Der permanente Zwang zu Selbstinszenierung, die Förderung des Narzissmus, die Verdummung und die Internetsucht sind nur einige Phänomene, die immer problematischere Auswirkungen auf die Nutzer*innen haben.
Die ungebremste Inszenierung des Alltags
Gefördert wird auf Instagram nämlich hauptsächlich „die ungebremste Inszenierung der eigenen Person, die im Ozean des Konsums illusorisch Glück verspricht“ und das Leben der Menschen schleichend beeinflusst. „Die Flut an Bildern schlägt in Übersättigung um, in eine nie endende Pornografie aus Klamotten, Gegenständen, Essen und muskulösen, sonnengebräunten, eingeölten Körpern.“ Es gilt, sich den neuesten ästhetischen und kulturellen Codes zu beugen, die über Instagram verbreitet werden. So lautet teils die Beschreibung diese Plattform.
Kardashian-Ärsche zu Dumpingpreisen, psychische Krankheiten und Unzufriedenheit
Und der Einfluss, den Instagram auf die Gesellschaft hat, ist in der Tat kein guter. Viele Nutzer*innen lassen sich nämlich operieren, damit ihr Gesicht oder ihr Körper den Ansprüchen des Netzwerks gerecht wird. Einer der derzeitigen Trends ist der von Kim Kardashians Körper injizierte Trend zum Brazilian Butt. Denn der Schönheitsmarkt um das sogenannte „Brazilian Butt Lifing“ steigt.
Dabei wird das Fett vom Bauch abgesaugt und in den Hintern gespritzt. Dadurch soll man Kim Kardashians Birnenform erhalten. Diese Form der Operation wird in den USA oft von schlecht ausgebildeten Chirurgen zu Dumpingpreisen angeboten und führt daher verhältnismäßig oft zu tödlichen Komplikationen.
Studien, auf die der Dokumentarfilm verweist, beweisen sogar wissenschaftlich darauf, dass jüngere Instagramnutzer*innen psychisch immer kränker werden und die Nutzung der Plattform an und für sich eher unglücklich und unzufrieden macht. Olivier Lemaires Dokumentarfilm „Instagram – Das toxische Netzwerk“ ist in diesem Sinne ein wertvoller Blick hinter die Kulissen, geht den Dynamiken der Plattform tief auf den Grund und offenbart die damit einhergehende gesellschaftliche Entwicklung.
Instagram – ein trauriges Fazit
Diese ARTE-Doku ist eine lange schon überfällige Abhandlung darüber, welch schlechten Einfluss das gute Instagram auf uns alle hat und weiterhin haben wird. Der reflektierende Blick, den dieser Dokumentarfilm offenbart, gehört eigentlich an allen Schulen gezeigt. Damit die fatalen Auswirkungen des Personal Branding und Co, welche auf der Plattform propagiert werden, endlich auch von den Jüngsten verstanden werden:
- Fotos inszenierter Körper, die millionenfach kopiert werden und denen unbedacht nachgeeifert wird.
- Der permanent evozierte Schönheits- und Beliebtheitswettbewerb.
- Die Softporno-Ästhetik mit ihren extrem genormten Körpern – der typische Instagramkörper ist zwischen 20 und 30 Jahre alt und hauptsächlich entblößt, was allerdings den Nutzungsbedingungen entsprechend ist.
- Der frauenfeindliche Algorithmus. Der von weißen cis-Männern festgelegte Algorithmus, der über die Bewertungen der Profile entscheidet, wobei nackte, weiße Frauen natürlich am besten ranken.
- Die Förderung psychischer Probleme, aufgrund des Normierungszwangs und die Förderung gestörter Körperwahrnehmung – im worst case führt dies zu einer Body Dysmorphic Disorder.
- Die Inhaltsleere und Belanglosigkeit, der Kommerz, die Obszönität usw.
Das alles sind Punkte, die wir bei unserer Instagram-Nutzung nie bedacht haben, worüber wir nie reflektiert haben. In diesem Sinne offenbart sich die ARTE-Doku Instagram – Das toxische Netzwerk als eine Lehrstunde in Sachen Aufklärung, die man sich unbedingt geben sollte. Denn den sozialen und vor allem geopolitischen Einflüssen der sozialen Medien (siehe Video oben!), wird im Allgemeinen leider zu selten Aufmerksam geschenkt. Den nackten und vor Pornoästhetik strotzenden Körpern auf Instagram aber leider schon.
Titelbild © Shutterstock
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