Serienmörder*innen haben die Menschen seit jeher fasziniert. Der Erfolg der Netflix-Serie DAHMER rund um den Serienmörder Jeffrey Dahmer hat diesen Tatbestand noch einmal verdeutlicht. Passend zu diesem zweifelhaften Hype hat die forensische Psychiaterin Gwen Adshead ein lesenswertes Buch geschrieben: Warum Menschen Böses tun.
Psychiaterin räumt mit dem Mythos Serienmörder*innen auf
Schon bevor sie tief in ihren ersten Beispielfall über den Serienmörder Tony eintaucht, stellt die Autorin Gwen Adshead die Dinge klar und erklärt, wie die Unterhaltungsmedien, die Presse und auch die mordgeile Öffentlichkeit sich immer wieder fasziniert von Serienmörder*innen zeigen. Aus der übermächtigen Menge an Serien, Büchern und Filmen über dieses Thema, lässt sich schnell der Eindruck gewinnen, die Ermordung mehrerer Menschen sei etwas, das ständig und überall geschieht.
Dies ist jedoch nicht der Fall. Denn die Zahl der Serienmörder*innen ist im Grunde „verschwindend gering“. Und wird immer kleiner, da diese, immer schon geringe Zahl, weiterhin schrumpft. In den letzten fünfundzwanzig Jahren findet überhaupt ein genereller Rückgang von Gewalt statt. Auch wenn die Medien einem diesbezüglich leider ein ganz anderes Bild vermitteln.
70 Prozent der weltweiten Serienmörder*innen stammen aus den USA
Auch wenn die Datenerfassung, was Serienmörder*innen betrifft, sich als schwierig erweist (das Fehlen universeller Kriterien, gelten Amokschützen als Serienkiller? Usw.) ist die Zahl der Serienmorder rückläufig. Was auch eine Studie belegt.
Dieser zufolge wurden 1990 weltweit 1.109 Serienmörder*innen gezählt. Der Höchstwert in den vergangenen hundert Jahren. Im Jahr 2020 gab es zum Beispiel weltweit nur sieben erfasste Serienmörder*innen. Kleine, jedoch extrem bedenkliche Side-info: um die 70 Prozent der weltweit bekannten Serienmörder*innen stammen aus den USA.
Kunst der Psychiatrie: in einen Dialog treten und Lebensgeschichten entschlüsseln
So viel zu den Zahlen. Und allzu viele davon kommen in Gwen Adsheads Buch Warum Menschen Böses tun nicht vor. Denn die forensische Psychiaterin schlägt einen ganz anderen Weg ein. Anstatt die Serienmörder*innen indirekt zu glorifizieren, mystifizieren oder auch zu objektifizieren, nähert sie sich ihnen auf eine zutiefst bewundernswert menschliche Art.
Für Adshead liegt die „Kunst der Psychiatrie darin, mit Menschen in einen Dialog zu treten und Schritt für Schritt ihre Lebensgeschichte zu entschlüsseln.“ Und das ist genau das, was sie in diesem Buch auch tut. Ziemlich detailliert und einprägsam beschreibt sie ihre Fälle bzw. die Gespräche mit den Serienmörder*innen und gibt tiefe Einblicke in deren psychische Entwicklungen. Wie eine Detektivin rekonstruiert sie verdrängte und traumatisierende Ereignisse in der Vergangenheit der Täter*innen, um bessere Einsicht in die Motive zu erhalten. Aber auch, um diesen Menschen dabei zu helfen, sich selbst besser zu verstehen.
Ein Buch jenseits der plumpen Inszenierung von Serienmörder*innen
Für gewöhnlich ist die Arbeit der forensischen Psychiatrie in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Psychische Erkrankungen und die Behandlung von Gewalttäter*innen wird mythologisiert und falsch dargestellt. Häufig in fiktionalisierter Form als sogenannte „wahre Verbrechen“ (Ware Verbrechen) einem großen Publikum verkauft. Dabei wird häufig ignoriert, dass auch Verbrecher*innen Menschen sind.
Auch wenn Erfolgsserien wie YOU, DAHMER oder Mindhunter vorgeben über das Leben von diesen Menschen zu erzählen, tun sie dies natürlich nie tiefgründig und reflektiert, sondern immer nur auf eine Art, die sich auch verkaufen lässt und Skandal-geschwängert für Schock- und Triggermomente sorgt.
Dasselbe Problem findet sich übringens auch bei Andrew Dominiks Netflix-Film Blonde. Anstatt das Leben von Marilyn Monroe ganz zu erzählen, lässt dieser die positiven Momente im Leben der Filmikone bewusst weg. Inszeniert die Negativen dafür jedoch umso ausgiebiger, um Marilyn Monroe als reines Opfer darzustellen. Was natürlich dementsprechende Gefühle bei den Zusehenden wecken soll.
Ein Buch, dass das Denken über Gewalttäter*innen verändern kann
Die forensische Psychiaterin Gwen Adshead nimmt diesen Weg jedoch nicht. Konsequent fragt sie sich, wer die Menschen hinter diesen schrecklichen Gewalttaten sind und was diese dazu gebracht haben könnte, anderen so etwas anzutun. Dabei wechseln sich ihr Verständnis und Mitgefühl mit der Bestialität der Gewalttaten geradezu ab. Und trotz der aufwühlenden Thematik legt man das Buch nicht aus der Hand, ohne auch so etwas wie Hoffnung zu empfinden. Hoffnung, angesichts der Tatsache, dass ein Dialog immer noch der beste Weg ist, ein Leben auf den richtigen Weg zu bringen.
Wenn du mehr über bekannte Serienmörder*innen erfahren willst, so haben wir auch diesbezüglich eine spannende Liste für dich: Serienmörder, denen du nicht alleine begegnen möchtest
Titelbild © Shutterstock
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