Was wurde in letzter Zeit nicht alles über das Thema Männlichkeit und deren negative Effekte veröffentlicht. Vor allem von uns bei WARDA. Von Hepeating, Toxic Driver, Whataboutism über Gender-Data-Gap, bis hin zu den Femiziden haben wir gezeigt, wie fatal sich toxische Männlichkeit auf deren Opfer (Frauen) auswirkt. Doch ein Opfer von toxischer Männlichkeit haben wir bis jetzt aus den Augen gelassen und das sind die toxischen Männer selbst. Diese sind nämlich nicht nur für andere, sondern vor allem auch für sich selbst ein große Bedrohung.
Männer und ihre Gesundheit
In seinem genialen Buch Toxische Männlichkeit (schon eine Art Enzyklopädie zu dem Thema) widmet sich der Autor Sebastian Tippe nicht nur den Opfern von toxischer Männlichkeit. In einem Kapitel schreibt er sogar über die Täter selbst und darüber welche desaströsen Auswirkungen deren Verhalten auch auf deren eigenes Leben hat. Vor allem auf die Gesundheit.
Denn „übertriebene Männlichkeit“ schadet nicht nur anderen. Toxische Männer schaden vor allem auch sich selbst. Und belasten dabei wohlgemerkt die Krankenkassen und somit wiederum die Gesellschaft. Aber egal.
Vom kurzen Leben eines Mannes
Fakt: Männer besitzen eine niedrigere Lebenserwartung als Frauen. Wie Tippe feststellt, werden Frauen in Deutschland durchschnittlich 83 Jahre alt, während Männer hingegen schon mit 78 Jahren das Zeitliche segnen. Letztere leben also um die fünf Jahre kürzer als Frauen. Was viele von uns immer schon als eine biologische Tatsache angenommen haben, ist jedoch im Grunde nur Resultat eines toxischen Lebensstils.
Denn schuld an diesem verkürzten Leben ist nicht allein die Tatsache, dass diese Menschen, biologisch gesehen, Männer sind, sondern hängt allein mit deren generell ungesünderen und riskanteren Lebensstil zusammen. Wie die Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip erklärt.
Hauptursachen für diese Differenz ortet man im Konsum von Alkohol und Nikotin, weniger Besuche bei ärztlichen Fachpersonal, riskantes Verhalten wie beim Autofahren (Stichwort: Toxic Driver), riskantere Arbeitsplätze oder beispielsweise ein höheres Risiko, bei einem Unfall zu sterben. All Studien zu diesem Thema zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und Geschlechterstereotyp.
„Mit Blick auf den riskanteren Lebensstil von Männern heißt es dann häufig, dass Männer einfach nur gesünder leben müssen, wenn sie länger leben wollen. Doch wir haben uns auch die Frage gestellt, warum Männern sich so verhalten. Das Verhalten wird auch von Geschlechterstereotypen beeinflusst, deshalb ist auch die Gesellschaft gefragt“, erklärt Kolip. „Geschlechterstereotype schreiben Männern und Frauen bestimmte Eigenschaften und auch Berufe zu.“
Geschlechtergleichstellung erhöht Gesundheitszustand von Männern
Der Grund für diese Differenz bezüglich des Lebensstiles sind hauptsächlich die männlichen Geschlechtervorstellungen und nicht so sehr irgendwelche biologischen Prädispositionen. Doch es gibt Hoffnung. Denn die WHO kam in einer groß angelegten und europaweiten Studie zu dem Ergebnis, dass der Gesundheitszustand von Männern in den Ländern besser ist, in denen es eine höhere Gleichberechtigung gibt.
Dort ist die Lebenserwartung von Männern höher, die Anfälligkeit für Depressionen geringer, es gibt geringere Suizidraten und ein geringeres Risiko für einen gewaltsamen Tod. (Wie Tippe mit Verweis auf Stocker erklärt)1. Diese Erkenntnisse bestätigt auch eine Studie des Robert-Koch-Instituts, die gemeinsam mit der Uni Bielefeld durchgeführt wurde. Gleichstellung nützt somit beiden Geschlechtern – die einen werden weniger Opfer der anderen und die Täter weniger Opfer ihrer selbst.
„Und das Ergebnis ist eindeutig: Männer leben umso länger, je stärker Frauen und Männer gleichgestellt sind„, erklärt Kolip. „In Bundesländern mit einem hohen Wert für Gleichstellung ist auch die Lebenserwartung der Männer höher.“ Im deutschen Baden-Württemberg herrscht laut Kolip beispielsweise mehr Gleichstellung als in NRW. Gleichzeitig ist auch die Lebenserwartung von Männern in Baden-Württemberg höher. Auf die Lebenserwartung der Frauen hat die Gleichstellung hingegen keinen Einfluss.
Das unterschiedliche Essverhalten
Männer bzw. Jungen lernen schon im frühen Alter hart zu sein, kein Weichei zu sein. So werden Krankheitssymptome verharmlost und anstatt darüber zu sprechen (mit einem Arzt oder einer Ärztin) versuchen Männer ihre gesundheitlichen Probleme zunächst allein zu lösen. Und lassen sich dabei leider zu lange Zeit.
Vor allem, was das Essen betrifft, ist die Kluft extrem. Während Frauen auf Kalorien achten und versuchen, gesund zu leben, essen Männer genussorientierter und achten weniger auf Nahrungswerte. Es geht ihnen hauptsächlich darum, dass es ihnen schmeckt. Fleisch, Deftiges und stark Gewürztes symbolisieren nach wie vor Männlichkeit.
Das Argument, diese Essunterschiede auf biologische Gegebenheiten zurückzuführen (z. B. auf einen höheren Energiebedarf bei Männern) greifen laut der Soziologin Monika Setzwein eindeutig zu kurz. Ernährung wird bei diesem Ansatz alleine auf ihre physiologische Funktion reduziert. Ein Fehler, denn Essen und Trinken sind „zutiefst kulturelle Angelegenheiten, die nicht von symbolischen Ordnungen und sozialen Normen losgelöst betrachtet werden können“.
Was bedeutet das genau? „Für die geschlechtstypischen Ernährungsgewohnheiten bedeutet dies, dass sie vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Geschlechterarrangements und kultureller Vorstellungen über „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ zu betrachten sind.“, stellt die Soziologin klar. Wir essen somit nicht prinzipiell nur das, was wir körperlich brauchen, sondern hauptsächlich geben Klischees vor, was wir essen und wonach wir überhaupt erst begehren.
Männer in Beziehung mit einer Frau leben gesünder
„Dabei spielt es natürlich auch eine Rolle, dass Männer sich viel weniger mit Zubereitungen von Mahlzeiten auseinandersetzen als Frauen und auch in ihrer Kinder- und Jugendzeit anders als Mädchen und Frauen viel seltener gelernt haben, zu kochen.“, so Tippe weiter in seinem Buch.
Dieser Sachverhalt führt auch zu der lustigen (aber vor allem auch traurigen) Tatsache, dass Männer, die in Beziehung mit einer Frau leben, gesünder sind und länger leben als Single-Männer. Der Grund dafür ist der, dass sich (hauptsächlich) die Partnerinnen um gesunde Ernährung kümmern. Weiters kümmern diese sich auch noch um Termine bei Ärzten oder auch darum, dass sich der Mann krankmeldet anstatt krank zur Arbeit zu gehen. Hotel-Mama lässt grüßen.
Fazit: Die meisten Männer haben nie gelernt, sich um sich selbst und ihre Gesundheit zu kümmern. Hauptgrund dafür sind, wie wir gesehen haben, die veralteten Rollenbilder vom harten Mann, der keine Schmerzen kennt bzw. kennen darf. Doch sollten gerade diese reaktionären Männer bald damit anfangen, diese Stereotypen zu hinterfragen und ihr Leben zu ändern. Nicht nur zum Wohle ihres selbst. Sondern auch zum Wohle der Gesellschaft und vielleicht auch zum Wohle der Sicherheit von Frauen.
Titelbild © Shutterstock
1 Stocker, Frank (2018) in: Süddeutsche Zeitung: Geld oder Leben. Ausgabe vom 21.10.
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