In der Talkshow Markus Lanz vom 29.09.2022 treffen der Philosoph Richard David Precht und der Sozialpsychologe Harald Welzer auf das Mitglied der „Spiegel“-Chefredaktion Melanie Amann und den „Welt“-Chefredakteur Robin Alexander. Eine grundsätzlich wichtige Diskussion, ob der Journalismus „gleichgeschaltete Narrative“ übernähme, ist die Ausgangslage. In einem Konflikt zwischen teils überemotionalen und polemischen sowie auch sachlichen Argumenten und Gegenargumenten reist dem Philosophen Precht der Geduldsfaden. Eine Geste und mehrere Worte später entsteht ein Eindruck, der einem Mann seines Formats nicht gerecht wird – die berechtigte Frage: Hat sich Richard David Precht selbst entblößt und Mansplaining betrieben?
Grundsätzlich ist Kritik am Journalismus wichtig, wie es auch im Buch „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird – auch wenn sie keine ist“ von Precht und Welzer geschieht. Während Precht und Welzer den Journalist*innen die reine Beobachterrolle absprechen und sie als aktive Akteur*innen bezeichnen, die Meinungsmache betreiben, wollen die zwei Vertreter*innen der deutschen Medienlandschaft den Rundumschlag nicht so einfach stehen lassen.
Im Zuge der Diskussion, die sich laufend weiter aufwiegelt – hier im Detail nachzulesen -, bekommt das sonst so sachlich glänzende Bild des Philosophen Richard David Precht einen ordentlichen Bruch. Es scheint, als hätte der Mann eine ungesunde Arroganz ob seiner immer wiederkehrenden TV-Auftritte entwickelt, die seinen sonst so hochkarätig-philosophischen Geist konterkariert.
Die Mansplaining-Debatte: Hat sich Richard David Precht als Philosoph demontiert?
Was Mansplaining bedeutet, haben wir längst erklärt. Aber kurz gefasst: Der Mann geht davon aus, dass er etwas besser wisse, als sein Gegenüber – das zumeist weiblich ist –, das eventuell in einer Frage besser bewandert ist, als der mansplainende Mann. Jedoch sollte nicht jede Geste der Erklärung eines Mannes dem Mansplaining gleichgestellt sein – sonst scheitert jegliche Diskussionskultur zwischen Mann und Frau. Alles als toxisch männlich zu framen, birgt natürlich Gefahren.
Manchmal sagen aber auch Bilder mehr als Worte 😬 pic.twitter.com/9h95AUOxGx
— Ann-Katrin Müller (@akm0803) September 29, 2022
„Sie haben gar nicht verstanden, worüber wir reden“, wirft Precht der Spiegel-Chefredakteurin vor. Vorweg: Egal, ob Mansplaining oder nicht, respektlos ist es allemal, in einer Diskussion auf dieser Ebene so unsachlich und emotional zu argumentieren. Was weiters als Punkt anzuführen ist, ist, dass ein Philosoph über eine funktionierende Diskussion erfreut sein sollte, denn diese macht es ja erst möglich, auf einzelne (legitime oder nur vermeintliche) Argumente schlagkräftige Gegenargumente zu bringen. Seine Aussagen wie „Es hat keinen Sinn, mit Ihnen zu reden“ spiegeln dies aber keineswegs wider.
Bei der Frage, ob es Mansplaining ist oder eben nicht, gibt es oft keine ganz klare Abgrenzung. Im Fall Precht gegen Amann setzt ein Argument den Schlusspunkt, in der Folge einiger Argumente. Einer Frau nämlich zu erklären, sie verstünde etwas nicht, statt in einer Argumentationskette besonnen gegen die Aussagen zu argumentieren, darf getrost als Mansplaining bezeichnet werden.
Richard David Precht canceln?
Unsere mittlerweile etablierte Cancel Culture zielt darauf ab, solch ein Verhalten sofort mittels Ausschluss und Ignoranz zu strafen. Doch trotz solch eines Fehltrittes sollten von Precht aufgeworfene Argumente nicht missachtet werden. Der Diskussionskultur schadet das dauernde „Canceln“ allemal. Immerhin sollte jeder gebildete und reflektierte Mensch verstehen, dass ein immerwährender Ausschluss aus Diskussionen nur eines zum Resultat hat: Stille.
Politische Korrektheit hat selbstverständlich seine Daseinsberechtigung. Doch ständige Korrektheit von jedem zu erwarten, kann nicht zielführend sein. Dass aber ein Precht sein Verhalten reflektieren und – noch mehr – in Zukunft Besserung geloben sollte, steht außer Frage.
Titelbild © Screenshot / ZDF Markus Lanz
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