In einer Kultur, in der über sexuelle Erfahrungen – wie zum Beispiel den Sex mit alten Männern – fast so locker gesprochen wird wie über das Wetter, passen Menschen, die enthaltsam leben, nicht in das gängige Muster. Ob aus eigener Wahl oder aufgrund von Umständen: Wie präsentiert sich das Leben, wenn eines der vermeintlichen Grundbedürfnisse des Menschen unerfüllt bleibt? Eine sehenswerte ARTE-Doku gewährt tiefe Einblicke über Keuschheit, der eher ungewöhnlichen Art.
Übersexualisierung der Gesellschaft
Sexualität ist allgegenwärtig. Noch nie zuvor in der Geschichte des Westens wurde das Thema so offen diskutiert wie heute. Dennoch gibt es ein Tabu, das weiterhin besteht: Wie sieht es aus mit jenen Menschen, die keinen Sex mehr praktizieren oder praktizieren können? Wie entwickelt sich das Leben, wenn man bewusst oder unfreiwillig auf die Erfüllung dieses vermeintlich bedeutenden menschlichen Bedürfnisses verzichtet?
Das Thema Sex beschäftigt den zeitgenössischen Menschen – besonders in mentaler Hinsicht. Man verwendet signifikant viel Zeit dafür, über Sex nachzudenken. Mehr, als diesen tatsächlich auszuleben. Die weitverbreitete Präsenz dieses Themas führt dazu, dass Individuen kontinuierlich sowohl sich selbst als auch andere hinterfragen. Selbst diejenigen, die entscheiden, sich dem zu entziehen, müssen wohl akzeptieren, dass Sex eine existenzielle Bedeutung besitzt, der man sich nicht entziehen kann. Das Thema hat unsere gesellschaftlichen Praktiken, aber auch unser Denken fest im Griff.
Keuschheit: kein Sex = neue Erkenntnisse
Und genau daher ist die alternative Perspektive von Menschen, die keinen Sex haben so wichtig. Im Dialog mit diesen enthaltsamen Menschen, die ein sexfreies Leben führen, gewinnt man als Zusehende*r ein tieferes Verständnis für die Bedeutung von Sex für die individuelle Identität, bekommt aber auch einen frischen Blick auf die moderne Gesellschaft.
Das ständige Thema wird oft als erdrückender Druck wahrgenommen, der sogar vor der eigenen Lust nicht haltmacht. Der von den keuschen Zwängen vermeintlich befreite Körper ist aufgrund der Übersexualisierung in Wahrheit nämlich ganz neuen Normen unterworfen, sowie Unterwerfungsmechanismen unterworfen. Wie oft, wie regelmäßig, wie lange? Sexualität und Wahrheit. Die übermäßig liberale Einstellung zur Sexualität erzeugt demnach paradoxerweise eine gewisse Unfreiheit. Der Philosoph und passionierte Analytiker von Herrschaftsformen Michel Foucault hätte bestimmt seine Freude an diesem Thema.
Sexlosigkeit als Emanzipation?
Dies wirft auch interessante Gedankenspiele auf. In einer übersexualisierten Welt, wie ist da das Phänomen Keuschheit zu deuten? Kann der Verzicht auf körperliche Liebe in diesem Sinne sogar als ein Akt der Emanzipation und Rebellion in einer Gesellschaft betrachtet werden, die innerhalb weniger Jahrzehnte einen radikalen Paradigmenwechsel durchlaufen hat? Während außerehelicher Sex noch vor kurzem tabu war, wird nun ein ausschweifendes Liebesleben gewissermaßen als gesellschaftliche Pflicht angesehen. Wer nicht dem Mainstream folgt, findet sich automatisch in der Außenseiterrolle wieder.
Ist die moderne Welt einer Art Tyrannei unterworfen? Einer Tyrannei, in der der Orgasmus regiert und absolute Freizügigkeit die neue soziale Ordnung darstellt? Menschen, die sexuell enthaltsam leben, setzen sich, so die Behauptung, intensiv mit sich selbst auseinander. Sie stellen sich die Frage nach ihrer Rolle in der Gesellschaft. In der ARTE-Doku sprechen sieben Männer und Frauen offen über ihre Beweggründe und beschreiben, wie es ist, ein Leben ohne Sex zu führen.
Keuschheit: ein Fazit
Wir leben in einer Kultur, in der über sexuelle Erlebnisse beinahe so ungezwungen gesprochen wird, wie über das Wetter. Sex und Masturbieren sind sozusagen eine Art Pflicht. In so einer Gesellschaft finden Menschen, die ein enthaltsames Leben führen (wollen), nur schwer Anschluss an die allgemeine Norm.
Ob aus persönlicher Entscheidung oder aufgrund von Umständen. Wie sieht das Leben aus, wenn eines der vermeintlichen fundamentalen menschlichen Bedürfnisse unerfüllt bleibt? Darüber gibt die sehenswerte ARTE-Doku No Sex spannende Auskünfte. Denn Enthaltsamkeit ermöglicht durchaus einen neuen Blickwinkel auf die aktuelle Gesellschaft.
DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN
April, April! Wie der Aprilscherz zur Tradition wurde
Jedes Jahr am 1. April herrscht Ausnahmezustand: Misstrauen liegt in der Luft, Arbeitskolleg:innen, Freund:innen und Familie lauern auf den perfekten […]
Glutamat - Teufelszeug oder Wundermittel?
Glutamat: Ein Wort, das bei vielen erstmal Unbehagen auslöst. Doch verteufeln wir den Geschmacksverstärker zu Unrecht oder kann er uns […]
Die "cringeste" Party Österreichs: Ein Kaff feiert Kevins und Würstchen im Mund
Am Land ticken nicht nur dir Uhren anders – auch die Nachtclubszene brilliert mit ländlichem Anderssein. Tatort: Niklasdorf. 2.365 Einwohner:innen. […]
Eventbranche: Visionäre Veranstalter übertrumpfen kurzsichtige Politiker
Eine Berufsbranche wurde durch die Pandemie ganz besonders getroffen oder besser gesagt förmlich durchgebeutelt, abgewatscht und vorübergehend versenkt – und […]
Nikotinbeutel in Po, Penis und Vagina: Experten warnen vor Trend aus Dänemark
In Dänemark sind Nikotinbeutel sehr beliebt. Für gewöhnlich schiebt man sich diese, ähnlich dem Snus, unter die Oberlippe. Doch immer […]
Real Talk mit Mac Troy – über seine Big Brother Teilnahme, zu großen Hunger, Corona und eine Pornokarriere
Wir haben uns mit dem Veggie - Burger - Spezialisten und Influencer Mac Troy über die Realität im Big Brother Haus, die vollkommene Abgeschiedenheit, die Medienberichterstattung über ihn und seine Vergangenheit, den kurzen Schock über Corona nach dem Auszug und auch über seine sehr positiven Erfahrungen gesprochen. Das sympathische Enfant Terrible dieser Big Brother Staffel gewährt uns einen tiefen Einblick.








